Die Krise der Ersatzreligion  

Seit die so genannte Krise der Werte und Religionen sich im 20. Jahrhundert  dramatisch steigerte, hatten die Deutschen, nachdem die Rassenreligion sich als  Katastrophe erwiesen hatte, eine produktive Ersatzreligion gefunden. Den  Glauben an die Marktwirtschaft, an Angebot und Nachfrage, an die Vernunft der  Ökonomie, an das Kapital, an die Gerechtigkeit des Geldes, kurz: an den guten  Kapitalismus. Mit dem religiös eingefärbten Wirtschaftswunder der fünfziger und  der Sozialpolitik der sechziger Jahre wurde der Segen dieser Ökonomie offenbart,  wurden ihre Dogmen sakrosankt. So schnell wie diese hat keine andere Religion  die Welt erobert, und das Ende des Sozialismus 1989 wurde zum größten  Gottesdienst aller Zeiten. 
Heute, scheint mir, sind die Deutschen dabei, ihren Glauben zu verlieren. Man  muss sich nur umhören.
Ein Unternehmensberater: Das Shareholder-value-Denken macht die Leute der  Wirtschaft blind, sie sehen nur noch Zahlen, werden dabei immer ratloser, ja  dümmer, auch die Spitzenkräfte. Eine Werbeexpertin: Nach dem 11. 9. gabs weniger  Werbung, das änderte aber nichts an den Verkaufszahlen der Produkte, nun ist  die eitle Branche gelähmt von der Ahnung, dass die Werbung im Grunde überflüssig  sein könnte, eine tiefe narzisstische Kränkung. Jede Woche kann man lesen,  wie die höchsten Manager die einfachsten Regeln des Wirtschaftens nicht mehr  beherrschen. Die Krisen sind fast immer Folgen des Größenwahns. Ob bei Kirch oder  auf dem neuen Markt, ob in der Automobil- oder Telekom- oder Energie-Branche.  Subventionen beschleunigen die Arbeitslosigkeit. Nicht nur Sozialdemokraten  verzweifeln, weil jede Freundlichkeit gegenüber der Wirtschaft zuerst mit der  Verweigerung von Steuern, dann oft noch mit der Streichung von Arbeitsplätzen  bestraft wird. Kleinaktionäre, weil man ihnen weisgemacht hat, sie dürften an  die Börse glauben wie Kinder an den Osterhasen. Gleichzeitig weiß jeder  Zeitungsleser, dass die Globalisierung, wie sie derzeit betrieben wird, die  Gegensätze zwischen Reich und Arm, auch hierzulande, vergrößert und nicht abbaut. Und  dann liest man, dass nicht einmal die Deutsche Bank trotz Milliardengewinnen  und Mini-Steuerzahlungen zufrieden sein darf und brutal sparen muss, weil  angeblich ihr Börsenwert zu niedrig ist. Die pragmatische Vernunft der Ökonomie -  daran glaubt heute kein vernünftiger Mensch mehr. 
Dazu kommt, dass die Wirtschaft den Staat unterminiert und entmachtet.  Korruption und Selbstbereicherung gab es immer, aber nie so skrupellos und  gigantisch wie heute. Die großen Firmen und reichen Leute zahlen fast keine Steuern  mehr. Deutschland ist verglichen mit den meisten Ländern der EU ein  Steuerparadies geworden. Die Banken strangulieren mit den  Zinsen die öffentlichen Hände,  wie es so schön heißt. Die mächtigsten Politiker, egal welcher Partei, haben  keinen Spielraum mehr. Selbst ein neuer Bundeskanzler würde nichts ändern.  All das hat den durchschlagenden Effekt einer Lähmung, einer  Massendepression. Nach der Krise der Religionen erleben wir nun die Krise der Ersatzreligion  des guten Kapitalismus, und ich habe den Eindruck, dass das den Leuten aufs  Gemüt, auf die Psyche schlägt. In Deutschland mehr als anderswo, weil wir hier  noch am ehesten den guten, sozial abgefederten Kapitalismus gewöhnt waren.  Während die Dogmen unserer Ersatzreligion weiterhin in Sonntagsreden  verkündet und in der Wirtschaftspresse gedankenlos nachgeplappert werden, hat die  Depression längst die meisten deutschen Gemüter erreicht. Wer heute mit Lehrern  oder Managern, mit Kleinunternehmern oder Fotografinnen, mit Putzfrauen,   Beamten, Politikern, Ärzten oder Journalisten spricht - überall der Tenor: so geht  es nicht weiter, aber wie geht es weiter? Die Leute bangen nicht nur, wie  früher, um Arbeit, Lebensstandard, Bildung, Rente. „Die Menschen fühlen, dass ihre  Stimmen nichts mehr zählen“, sagt Susan George.
Nicht das notwendige Sparen zerstört die Gesellschaft, sondern der Reichtum,  der immer weniger verteilt wird. Der Glauben an die so genannten  Selbstheilungskräfte der Wirtschaft schwindet, und mit ihm Leistungskraft und  Selbstbewusstsein. Offen wird darüber kaum gesprochen, nicht einmal in den sonst so emsigen  Feuilletons, denn die Marktwirtschaft ist kompliziert - und außerdem ein  Tabu. Schon traut sich niemand mehr, das Wort Marktwirtschaft mit dem alten  Attribut „sozial“ zu verbinden. Noch weniger, den Begriff zu benutzen, der die neue  ökonomische Lage seit 1990 am genauesten trifft: Kapitalismus. Auch hier  müssen wir offenbar wieder einmal von den Amerikanern lernen, zum Beispiel von  Benjamin Barber: „Meiner Ansicht nach ist der Kapitalismus im Niedergang  begriffen ... Globalisierung bedeutete die Internationalisierung der Wirtschaft, aber  nicht die der Demokratie. In der Welt gibt es also jetzt einen Kapitalismus  ohne Demokratie, einen wilden, rohen Kapitalismus ohne Regulierung. Das  unterminiert letztlich den Kapitalismus selbst ... mit einem verheerenden Effekt auf  die menschliche Psyche.“
Benjamin Barber ist kein Systemkritiker, er hat Präsident Clinton und  Bundespräsident Herzog beraten. Vielleicht hilft er auch uns, das Unbehagen, das aus  der Wirtschaft kommt, besser zu begreifen.  

(DeutschlandRadio, OrtsZeit, 4.7.2002)

Impressum