Friedrich Christian Delius, FCD

Irmela von der Lühe

Irmela von der Lühe:

In anderer Leute Köpfe denken

Laudatio auf Friedrich Christian Delius aus Anlass der Verleihung des Samuel-Bogumil-Linde-Literaturpreises der Städte Thorun und Göttingen am 1. Dezember 2002

Als Lyriker einer neuen Generation, mit frech-flottem Ton und politischer Inspiration, lobte man F. C. Delius, als 1965 sein erster Gedichtband „Kerbholz“ erschien. Unter dem Titel „Feuer I“ finden sich dort folgende Verse:

Ich bat um ein Streichholz.
Man gab mir
eine volle Schachtel.

Also
gehe ich umher als
Brandstifter.

Die Zeiten haben eine doppelte Semantik: Sie rufen die alte romantische Vorstellung von der Sprengkraft, der explosiven Wirkung des Dichterwortes wach, und sie parodieren die denunziatorischen Attacken gewisser bundesrepublikanischer Politiker auf die „Pinscher“ und die sogenannten geistigen Brandstifter, mit deren intellektueller Sympathie der Terrorismus der 70er Jahre habe gedeihen können. Solch poetischer Hintersinn ist charakteristisch für einen Schriftsteller, dem es von „Kerbholz“ bis zum 2001 erschienenen Roman „Der Königsmacher“ um den poetischen Furor der Aufklärung geht; um die ebenso sorgsame wie souveräne, die ebenso behutsame wie bedingungslose Befragung der Worte und der Wirklichkeit; auf das, was sie taugen, wo ihr Veränderungspotenzial steckt, wo sie nach satirischer Entlarvung, nach ironischer Selbstdemontage, wo sie – Wort und Wirklichkeit – nach Erhellung verlangen.

Der rhetorisch und poetisch verbrauchten Sprache, der selbstgefällig schönheitsgierigen Dichtungsemphase gehört der ganze Spott des Lyrikers, aber auch des Romanciers F. C. Delius. Insbesondere in den frühen Arbeiten zeigt er sich als scharfsichtiger und scharfsinniger Satiriker, ja als poetischer Rächer an einer selbstzufriedenen Wirtschaftswunderwelt, die mit dem Kanzler Ludwig Erhard nicht nur freimütig einbekannte „wir sind wieder wer“, sondern die überdies auch noch glaubte, sie dürfe alles. Solcher kapitalgestützten und phrasengesättigten Siegermentalität ist F. C. Delius früh ins Wort „gefallen“: mit der Dokumentarpolemik „Wir Unternehmer“ (1966), mit der satirischen Festschrift „Unsere Siemens-Welt“ (1972). Und noch in den 80er Jahren, als man dergleichen gern als poetisches und politisches Auslaufmodell abqualifizierte, hat Delius die politische Aufklärungssatire furios variiert. Mit der „Denkschrift“ eines pensionierten deutschen EG-Beamten „zur Entlastung des Gemüseessers“ und für das Konzept einer „neuen humanen Hungerpolitik“, einer sarkastischen Abrechnung mit der Politik der EG gegenüber den Ländern der Dritten Welt (1985) und schließlich 1988 mit dem Titel „Konservativ in 30 Tagen. Ein Hand- und Wörterbuch Frankfurter Allgemeinplätze“. Allen Liebhabern dieser Zeitung, insbesondere ihres Feuilletons und Sportteils, auch heute noch zur Lektüre dringend empfohlen, denn natürlich zielt dieses dokumentarisch-satirische Kompendium nicht auf den Nachweis, dass die FAZ sich als Katalysator konservativen Denkens versteht, sondern auf die kritische Selbstprüfung ihrer zahllosen Leser, die sich gegen konservatives Denken immun glauben.

Das Verfahren dokumentierender Montage von authentischen Quellen (Statistiken und Geschäftsberichten, Parteitagsbeschlüssen und Regierungsgrundsätzen) zeigt die Wirklichkeit als Realsatire und zielt damit auf die Selbstaufhebung des poetischen Prinzips „Stellen, die besonders bösartig entstellt erscheinen [sind] durchweg originalgetreu wiedergegeben“, betont Delius in „Wir Unternehmer“.

In der Maske des Festredners zum 125-jährigen Jubiläum des Hauses Siemens agierte Delius 1972 indes zu heftig; die imaginäre Festschrift „Unsere Siemens-Welt“, die den singulären Erfolg eines Wirtschaftsunternehmens über zwei Weltkriege hinweg und durch den Nationalsozialismus hindurch faktengestützt karikiert, ging dem Konzern dann doch zu weit. Ein dreijähriger Prozess war die Folge, der den Rotbuch-Verlag, dessen Lektor Delius seinerzeit war, in seiner ökonomischen Existenz bedrohte. Am Ende mussten neun Stellen des Buches eingeschwärzt werden und von höchstrichterlicher Seite wurde erklärt: „Satiren müssen richtig sein“. Wie wahr die Delius’schen sind, erweist nicht zuletzt diese blamable Plattitüde.

Als politischen Lyriker, Verfasser von Dokumentarliteratur und als literarischen Chronisten hat man F. C. Delius gern bezeichnet: Attribute, die auf das Frühwerk passen mögen, für das spätere und heutige Werk aber viel zu eng sind. Ihn dafür heute zu loben, erschiene mir allzu wohlfeil und dem seit 1972 um vier weitere Gedichtbände und zehn Romane angewachsenen Œuvre wenig angemessen. Denn der sogenannte Chronist ist ein Erzähler mit Passion für das, was eben nicht einfach als Faktum zu dokumentieren ist, sondern was erzählt werden muss, wenn es sich einprägen soll; was auf seine sprachliche, seine poetische Plausibilität und Widerständigkeit hin geprüft werden muss, ehe es denn zum Buch wird.

Die „Kunst, in anderer Leute Köpfe zu denken“ – so eine schöne Formulierung Bertolt Brechts – ist auch die Kunst des Lyrikers, des Satirikers, des Romanciers F. C. Delius, den man auf die Brecht-Nachfolge indes nicht festlegen sollte. Zwar ist in den Gedichten und Reisebildern des Bandes „Ein Bankier auf der Flucht“ (1975) und in der 1993 vom damals „Mann von 50 Jahren“ zusammengestellten Anthologie „Selbstporträt mit Luftbrücke“ der parabolisch-parodistische Ton Brechts unüberhörbar. Aber gerade dieser Ton ist Gegenstand skeptischer Selbstbefragung durch einen Autor, der vom Anspruch, lyrisch und erzählerisch die Trommel zu schlagen, nicht abgehen will; dem der aufgeregt-floskelhafte Betroffenheitsjargon der 70er Jahre ein Graus und die sogenannte neue Subjektivität Objekt lyrischen Spotts ist.

Poetisch „in anderer Leute Köpfe zu denken“, das setzt die selbstkritische Distanz zum eigenen Tun voraus und es schließt die Bereitschaft ein, mit skeptisch-ironischem Blick auf die Produkte des eigenen Kopfes zu sehen. Und tatsächlich erstaunt die bisweilen sogar mäkelige, missbilligende Haltung, mit der F. C. Delius Gedichte und Texte früherer Schaffensphasen zu betrachten pflegt. Selbstzufriedene, durch Erfolgserfahrung und Zeitzeugenschaft legitimierte Töne sucht man bei diesem Autor vergeblich: auf das, was er geleistet, was er poetisch und erzählerisch bewirkt hat, wogegen er als kritischer Kommentator eines sich wandelnden Zeitgeistes angeschrieben hat, auf all das scheint er nicht wirklich stolz zu sein; ja selbst, ob er zufrieden damit ist, darf bezweifelt werden. Schlägt hier, in dieser scheinbar programmatischen Skepsis gegenüber dem eigenen Tun das Bescheidenheits-, ja Demutsgebot des protestantischen Pfarrhauses durch, dem er entstammt?

„Ich leih dir meinen Kopf für diesen Nachmittag“ – die Titelzeile dieses Gedichts aus dem Jahre 1975 liest sich aus der Rückschau wie ein Leitmotiv für die Romane F. C. Delius’. Der Autor der Trilogie über den deutschen Herbst leiht seine Stimme und sein erzählerisches Talent tatsächlich ganz unterschiedlichen Helden: dem Chef eines Verbandes für „Menschenführer“ bzw. seinem Chefdenker und Redenschreiber im ersten Roman (1981 „Ein Held der inneren Sicherheit“), einer 30-jährigen Biologin, die als Touristin in der von palästinensischen Terroristen entführten Lufthansa-Maschine sitzt und die quälenden Einsichten, die schrecklichen Visionen einer fünftägigen Gefangenschaft niederschreibt. „Mogadischu Fensterplatz“ (1987), zehn Jahre nach dem Deutschen Herbst erschienen, ist ein Thriller und ein politischer Bildungsroman gespiegelt im Kopfe einer unpolitischen Naturwissenschaftlerin, der unter extremen Bedingungen brisante Einsichten kommen. Einsichten über das Zusammenspiel von RAF und Staatsapparat, über die Pathologisierung auf beiden Seiten; die neurotische Fixierung der terroristischen Herausforderer auf ihre staatlichen Verfolger und umgekehrt. Die unlösbare, ins Phantasmatische reichende Verquickung zwischen dem Kopf der RAF und dem Chef des BKA ist Thema des letzten Teils der Trilogie „Himmelfahrt eines Staatsfeindes“, 1992.

„Kopf“-Geschichten sind alle drei Romane; Romane, deren Helden dem Autor ihren Kopf leihen, damit ein vielperspektivisches, widersprüchliches und eben nur insofern wahres Bild entstehe: vom Deutschen Herbst und der wohlkalkulierten Hysterie, von der Hypertrophie selbsternannter Revolutionäre, von den Halluzinationen eines sterbenden Terroristen, der sein Begräbnis als großdeutsches Volksfest imaginiert. Nicht nur der Autor nimmt Anleihen bei den Köpfen seiner Helden, nicht nur er nistet sich ein in den Phantasien und Phantasmagorien, den Ängsten und Sehnsüchten seiner Protagonisten, es ist auch umgekehrt: Das poetische Verfahren der Delius’schen Romane lässt den Autor als Medium erscheinen, degradiert ihn zum Organisator und Mediator von Materialien unterschiedlicher, ja disparater Herkunft. Die Geschichten, die in Delius’ Romanen erzählt werden, entstammen der sogenannten großen Geschichte, der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte: Wirtschaftswunder und Adenauerära, Vietnamkriegsprotest und Studentenbewegung, RAF-Terrorismus und Wiedervereinigung; sie sind die literarischen Vexierbilder dieser Geschichte, verfasst von einem Autor, der als literarischer Chronist an der anderen Seite der Medaille, an der Auflösung gängiger Bilder interessiert ist, der die medial und mental uniformierte Blickrichtung auf die Ereignisse unterläuft. Zum narrativen Prinzip erheben Romane wie „Adenauerplatz“ (1984) oder die Erzählung „Die Birnen von Ribbeck“ (1991), was 1975 als lyrischer Einfall erschien:

ich leih dir meinen Kopf für diesen Nachmittag
Du kannst ihn durchstöbern, diesen Irrgarten,
und in Millionen Zellen nachforschen,
was alles über dich gespeichert liegt.

Lesend blickt man durch Delius’ Romane aus den 90er Jahren in die Köpfe marginalisierter oder vergessener, stigmatisierter oder schlichtweg neurotischer Personen, die sich nicht selten selbst als gescheitert erleben. Als einen „abgestürzten Intellektuellen“ bezeichnet sich der Kellner Paul Gompitz im „Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ (1995); „mein ganzes Leben ein Idiot gewesen“ bekennt der Posaunist im Roman „Flatterzunge“ (1999), der als literarische und mentalitätsgeschichtliche Selbsterkundung gelesen werden kann. Denn F. C. Delius rollt den Fall eines Kontrabassisten auf, der 1997 in einer Hotelbar in Tel Aviv seine Rechnung mit „Adolf Hitler“ unterschrieb und daraufhin fristlos entlassen wurde. Deutsche Geschichte und deutsche Vergangenheit, die nicht vergehen will, der gequälte und schon damit unaufrichtige Erinnerungsdiskurs des wiedervereinigten Deutschland – all dies beherrscht den Kopf des Posaunisten und wirbelt die in aller Regel allzu seichten Kopfgeburten der bundesrepublikanischen Gutmenschen gründlich durcheinander. Ungewöhnliche und verquere Konstellationen herrschen nicht nur im Kopf der Romanhelden, sie entstanden auch im Kopf der Leser; notgedrungen, aber nachhaltig sind wir aufgefordert, den Reflexionen eines eigentlich unpolitischen, durch seine scheinbar absurde Tat völlig vereinsamten Musikers zu folgen, der im Adolf-Hitler-Effekt, in der Angst der Deutschen davor, Adolf Hitler-Anteile in sich zu tragen, den Grund für die Aufregung über seine „Tat“ erkennt. „Nehme ich den Deutschen die Last ab, Adolf Hitler zu sein“? (114) – fragt sich der Tagebuchschreiber – eine Antwort, wohl gar eine eindeutige, wird nicht gegeben. An Thomas Manns Essay aus dem Jahre 1938 „Bruder Hitler“ erinnert die Argumentation wohl nicht von ungefähr. Reichhaltiges Material für germanistische Abschlussarbeiten tut sich hier auf – die Lobrede indes soll mit dem Appell zur intertextuellen Spurensuche nicht enden.

Zurück ein letztes Mal zum poetischen Verfahren des Köpfeleihens. Unter den Delius’schen Romanhelden und ihren Kopfgeburten haben mir zwei in den letzten Jahren ein besonderes Leseerlebnis, einen literarischen Erkenntnisgenuss der ganz eigenen Art verschafft. „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ (1994), die Erzählung vom elfjährigen Pfarrerssohn, der am 4. Juli 1954 im Radio die Übertragung des Endspiels der Fußballweltmeisterschaft verfolgt, verdient in der Literaturgeschichte des protestantischen Pfarrhauses einen besonderen Platz. Wo hat man eine vergleichbar schonungslose, wo eine ähnlich subtile Auseinandersetzung mit diesem Kultort der deutschen Literatur- und Geistesgeschichte je gelesen; in Kopf und Herz des Elfjährigen herrschen Angst und Ohnmachtsgefühl, der glaubensgestützte Mief aus Glockengeläut, Gesang, Gebet und Schweinebraten, die autoritäre Enge der fünfziger Jahre verdichtet sich im Sonntagsritual, im patriarchalen Regiment eines hessischen Pfarrhauses. Die Fußballübertragung und ihr wortgewaltiger Reporter werden für Stunden zur Gegenwelt, verschaffen dem Jungen, was im Alltag frommer Pflichtübungen nicht vorgesehen ist: Übermut und Siegesstimmung, Befreiung und Glück. Die gefährliche Sogwirkung solcher medialen Gegenwelten mag dem Elfjährigen nicht bewusst gewesen sein, im Kopf des hinter ihm agierenden Erzählers ist sie stets präsent.

Wo die Weltmeister-Erzählung des Verfassers Herkunft väterlicherseits verarbeitet, da liefert seine Herkunft mütterlicherseits den Stoff für den bisher letzten Roman, „Der Königsmacher“. Vom protestantischen Pfarrhaus auf die Güter und in die Gemächer der mecklenburgischen Aristokratie; von der bigotten Enge Hessens in den 50er Jahren, in die intrigante Adelswelt Berlins um 1800. Einen historischen und einen Roman der extensiven Medienschelte hat man den „Königsmacher“ genannt; richtig ist beides, und doch ungenügend. Der Roman verleiht einer unbekannten, einer programmatisch dem Vergessen überantworteten Frau, die ihre wirkliche Herkunft aus königlich-preußischer Familie nicht kennt, Kopf und Stimme; ein nicht gelebtes Leben aus der Zeit der Befreiungskriege wird aufgerollt, ohne dass daraus eine geschlossene Geschichte würde. Denn der Autor ist in diesem Falle nun wirklich Chronist, schlüpft in die klassische Herausgeberfiktion und teilt angeblich nur mit, was ein anderer Schriftsteller hinterlassen hat, der Organisator des Preußenjahres 2001, der kurzzeitige Medienstar Albert Rusch. Die Materialien runden sich indes nicht zum historisierenden Monument, Episoden und Szenen werden wie in einem Filmdrehbuch entworfen; von happy end keine Spur.

Der Autor zeitkritischer Gegenwartsromane, der Chronist mit Gespür für die unsichtbaren, verdeckten, verdrängten und vergessenen Seiten der Wirklichkeit und der Geschichte demonstriert uns mit diesem Roman erneut, welches Geschenk mit der Literatur verbunden sein kann: das Geschenk von Gegenwelten, der Genuss der ungenutzten Möglichkeiten, kurzum, Leselust und Erkenntnisglück.

Für all dies gebührt Friedrich Christian Delius nicht nur Lob, nicht nur Dank – es gebührt ihm auch das letzte Wort. Es entstammt einem Gedicht aus dem Jahre 1975:

„die Poesie ist immer schon weiter als die Verhältnisse“.

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