Friedrich Christian Delius, FCD

Katja Lange-Müller

Katja Lange-Müller:

„ICH LEIH DIR MEINEN KOPF“

Laudatio auf Friedrich Christian Delius, Walter-Hasenclever-Preis, Aachen, 11.9.2004

Wer bin ich? – Auf diese zweite „Grundfrage der Philosophie“, die sich anschließt an die erste, nämlich die, ob das Sein (über) das Bewußtsein bestimme oder umgekehrt, gäbe es, wenn es sie denn gäbe, so viele Antworten wie Menschen, lebende und tote; und jede dieser Antworten könnte/müßte romanlang sein, ach was, Bibliotheken füllen. Doch mit den beiden kurzen – und daher populären – Standard-Antworten „ich bin ich“ und „ich ist ein anderer“ wird der schwierigen, ja, ihrem Wesen nach unerschöpflichen Frage auch gerne ausgewichen (zumal Ausweichen nie falsch ist und nie Falsches irgendwie immer richtig). Doch wer oder was ist oder war „ich“ – in der unvorstellbaren Summe seiner Gesamtheit? Und was oder wer der „andere“? Und wäre die pluralisierte, bayrische Version „mir san mir“ nicht noch ein wenig weniger falsch, „ich ist die anderen“ oder gar „ich ist alle anderen“ oder konsequenter „wir sind die anderen“ oder radikal konsequent „wir sind alle anderen“ hingegen kaum mehr richtig? – Unserem an derlei Schubumkehrschlüssen gerade heute sicher nicht sonderlich interessierten Preisträger gefiele vielleicht noch am besten das, was meine lang schon tote Oma zu dem Thema meinte: „Der Mensch ist wie eine Arche Noah. Es sind alle Tiere an Bord; aber nie sind die auch alle gleichzeitig an Deck.“ – Ob der Schriftsteller Friedrich Christian Delius sich diese, wie ich neulich las „altmodischste aller verstaubten Philosophenfragen“, jemals ausschließlich ernsthaft, also anders als schriftlich, gestellt hat, weiß ich nicht, finde in seinem vorliegenden Werk jedoch genug Indizien, die den Verdacht nähren, daß er sie wohl seinen Figuren nahe legte, ansonsten aber bisher klug genug war, die Antwort darauf seinen Lesern zu überlassen, auch denen mit der Lizenz zur Rezension. Mögen die doch herausfinden, wer Friedrich Christian Delius ist, ihn sich zusammensetzen aus all seinen Gedichten, Stücken, Romanen, Erzählungen, Essays, zusammengießen aus jeder seiner Zeilen. Den – theoretisch immerhin möglichen – auf einen „authentischen“ Gesamt-Delius spekulierenden Leser (gleich welchen Geschlechts), werden Anstrengungen solcher Art nur mit weiteren, vielleicht interessanten, aber literarisch nicht besonders relevanten Fragen bestrafen, Fragen wie diesen: Ergeben die disparaten Haupt- und Nebenfiguren unseres Preisträgers alle gemeinsam nun überwiegend den ersten F. C. Delius oder doch mehr den zweiten: Friedrich Christian Delius? Fügen sich die nachlesbaren Sätze der als Ich-Erzähler installierten, sehr verschiedenen und auch noch in sich widersprüchlichen Charaktere der Terroristen-Geisel Andrea Boländer, des Wehrdaer Pfarrerskindes, des Hans „Flatterzunge“, des Preußenjahr-Erfinders Albert Rusch, des zum Mord entschlossenen Berliner Literatur-Studenten, der uns demnächst begegnen und nicht von ungefähr an den 66ziger-Demonstranten Martin erinnern wird, tatsächlich „bombenfest“ zusammen zu jeweils einer gänzlich originären Figur? Oder sind sie nicht eher die – auf manche Art mal mehr, mal minder unsicheren – „Opfer“ naturgemäß unzulänglicher Selbstinterpretationen, die ihnen, wenigstens soviel ist gewiß, kein anderer als ein und derselbe Schriftsteller (nach-)namens Delius in den Mund gelegt, respektive zu Papier gebracht hat? Ein und derselbe? Delius? Einer ja, aber derselbe? – F. C. D., F. C. Delius, Friedrich Christian Delius…. – Und hier, an genau dieser Stelle meiner Laudatio, erlaube ich mir, noch einmal auf meine Oma zurückzukommen und in einer leicht abgewandelten Version einen ihrer Lieblingswitze zu erzählen: „Eines schönen Montagmorgens, die Sonne scheint, die Vögel singen, die Obstbäume blühen, betritt der Bürgermeister einer kleinen womöglich hessischen oder brandenburgischen Gemeinde, gut gelaunt seine Amtstube. Der Bürgermeister will sich gerade ans Fenster setzen, einen magenfreundlichen Kaffe trinken und die „Bild“ durchblättern, da entdeckt er auf seiner polierten Mahagonischreibtischplatte einen Brief vom Einwohnermeldeamt. Verdammt, denkt er, ein Brief, und das an einem so schönen Montagmorgen. Aber weil er es hinter sich bringen will, öffnet er das Kuvert noch vor dem Kaffee. ,Sehr geehrter Herr Bürgermeister’ liest er, ,laut unserer Einwohnermeldekartei gibt es in Ihrer Gemeinde zwei Müller, Paul. Wir bitten Sie dringend, uns mitzuteilen, ob es sich bei Müller, Paul und Müller, Paul um zwei Personen handelt oder ob die beiden identisch sind.“
Identisch, identisch,…, grübelt der Bürgermeister, was bedeutet das gleich noch mal? Doch der Morgen ist zu schön, also läßt er sich nicht weiter verrückt machen, sondern den Kaffe bringen; der Brief landet in einer Schublade. Drei Wochen später, es ist wieder Montag, wieder scheint die Sonne, liegt auf des Bürgermeisters Mahagonischreibtischplatte schon wieder ein Brief und wieder ist er von Einwohnermeldeamt. ,Herr Bürgermeister’, steht darin, ,unlängst baten wir Sie, uns nun endlich mitzuteilen, ob die beiden Ihrer Gemeinde lebenden Müller, Paul wirklich zwei oder doch identisch sind…’ Wieder grübelt der Bürgermeister: Identisch, identisch,… Aber weil er die Sache vom Hals haben und keinen weiteren Ärger riskieren möchte, ruft er seine Sekretärin herein, diktiert ihr die folgende Antwort: ,Sehr geehrte Damen und Herren des Einwohnermeldeamtes. Jawohl, es stimmt, in meinem Dorf gibt es tatsächlich zwei Müller, Paul. Der eine ist ein schwerer Trinker, der andere wurde bereits zweimal beim Holzdiebstahl erwischt. Es ist beiden zuzutrauen, daß sie auch noch identisch sind.’“ Ich hoffe, daß klar wird, was ich mit Omas Witz sagen wollte. Denken Sie doch nur einmal an den Kellner Paul Gompitz, aus der Erzählung „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ und den Posaunisten Hannes, aus der nur um Weniges kürzeren Erzählung „Die Flatterzunge“. Verschiedener können Charaktere kaum sein. Der eine, Paul Gompitz, ein gebürtiger Sachse, in dessen von Delius, dem Dichter, verliehenem Namen schon mal die ganze Tragikkomik der Figur aufscheint, wenn man ihn nur mit dem adäquaten, also sächsischen Zungenschlag ausspricht: Gompitz. Und obgleich ich weiß, daß für diesen Paul Gompitz die Heldentat des real existierenden Klaus Müller Modell stand und ein wenig wohl auch Klaus Müller selbst, gewinnt Müller alias Gompitz durch sein Medium Delius, dessen Kopf- und Handarbeit, die Gestalt eines von Bloch und Seume gleichermaßen inspirierten, wegen Unangepasstheit in den Saisonkellnerjob abgestürzten Intellektuellen, der sich, wenn er denn dick und doof wäre und die Kohle nicht für die Verwirklichung seines Traumes brauchte, sächsisch gesagt „dumm und dusslich“ verdienen könnte an den Trinkgeldern der FDGB-FKK-Urlauber, die DDR-Jahr um DDR-Jahr umfassend vergnügungshungrig und auch so zahlreich wie die Heuschrecken der bekannten biblischen Plage die Ostseeküste heimsuchen. Doch Paul, der Antiangeber, der belesene, komisch-melancholische Frauenschwarm, der seiner Helga treu bleibt, ist, wie angeblich alle Sachsen, ein von Fernweh und Heimatliebe gleichermaßen geplagter Romantiker, in dessen Kopf womöglich die damals berühmte Biermann-Zeile „Ich kann nur lieben, was ich die Freiheit habe, auch zu verlassen“ herumspukt. Nun ist Paul Gompitz, auch darin zeigt sich sein im dialektischen Sinne widersprüchlicher Charakter, aber mitnichten der klischeegemäß linkische, sondern ein konspirationserprobter, praktischer und sogar sportlicher Romantiker, einer, der zum Schiffbauer ebenso taugt wie zum Undercover-Segler. Das – mich jedenfalls – ganz und gar Ergreifende an dieser wunderbar wahrhaftigen Erzählung des Friedrich Christian Delius, der sich die DDR ja nun wirklich nicht mit der Muttermilch reingezogen hat, ist ihr letztes Drittel, in dem der Leser erfährt: Das wirkliche, erst recht das heutige „Land wo die Zitronen blühen“ kann Seumes hoch literarischer Reisereportage und Gompitz Sehnsuchtsphantasien allerhöchstens ein „Finkennäppel“ voll Augenwasser reichen, ein paar – nicht dezidiert beschriebene – Tränen der Rührung, der Erschöpfung, der Enttäuschung und des Heimwehs. Da ist der geschaßte „Musikbeamte“ Hannes, dem ein Moment ebenso tollkühner wie dämlicher „A.H.“(also Adolf Hitler)-„Effekt“hascherei zum Eigentor und zum öffentlichen Skandal geriet, doch ein ganz anderes Kalieber. Zwischen dem Mutigen und dem Mißmutigen, Paul Gompitz und Hannes, dieser explosiven Mischung aus „Hund von Tel Aviv“, typischem Skorpion, ewigem Looser und aufrichtig verlogenem Posaunenunschuldsengel, dem Delius, als Anwalt getarnt, eine Art Selbstdarstellung abverlangt, die, man ahnt es mal mitleidig, mal schadenfroh, vor Gericht nicht besser ankommen wird als Flatterzungenküsse bei erwachsenen Frauen, besteht ein so himmelweiter Unterschied, daß der Leser sich verwundert fragt, ob diese beiden – ja nicht völlig aus der Luft gegriffenen – Figuren sich für ihre im Abstand von wenigen Jahren zu Texten mutierten Geschichten wirklich den Kopf des selben Autors ausgeliehen haben; des selben wohlbemerkt, nicht des gleichen. Und war es eher eine Leihname oder mehr eine Leihgabe? Und wird nicht überhaupt (im genauen Sinne des Wortes, also Haupt über Haupt über Haupt) jede dieser Buch-Gestalten, sobald auch noch der Leser mit ins Komplott gezogen ist, zu einer (mindestens!) dreiköpfigen Angelegenheit? Ich gestatte mir diese etwas bemühte, aber hoffentlich nicht nur kopflastige Metaphorik, weil mich kein anderer als Friedrich Christian Delius dazu inspiriert hat, denn ich halte das Gedicht „Ich leih dir meinen Kopf“, für eines seiner besten oder poetischsten, zumal es auch noch anmutet wie eine Poetik:
Ich leih dir meinen Kopf für diesen Nachmittag./ Du kannst ihn durchstöbern, diesen Irrgarten/ (…)/ Du kannst ihm eine Brille aufsetzen, wie immer/ ihn lesen lassen, Gedichte, Berichte, Wissenschaft./ Du kannst seine Sehstärke prüfen, seine Blindheit,/ wieviel er wahrnimmt von der Welt und von dir./ (…)/ Du kannst genau feststellen, wann er weghört./ Du kannst ihn mit Gerüchen fesseln./ Du kannst ihn nach Lissabon verpflanzen./ Du kannst mit ihm aufs Dach steigen/ und dir erzählen lassen, was er alles nicht sieht,/ von Unglück z. B. möchte er wenig wissen, aber soviel, wie ihm zur Änderung erforderlich scheint,/ obwohl er ja nichts ändert, erstens allein/ und zweitens im Kopf. Deshalb kannst du ihm/ wenigstens deinen Kopf entgegenhalten./ Du kannst ihn davonjagen, ihn ganz langsam auf dich/ zukommen und fallen sehn mit fallenden Haaren./ Du kannst ihn schlafen lassen und dir/ Geschichten erzählen lassen wie diese:/ Ich leih dir meinen Kopf.
Obwohl unseres Preisträgers Gestalten, Figuren, Charaktere oder sollte ich Menschen sagen(?), einander nicht einmal dann sonderlich ähneln, wenn sie, mehr oder minder deutlich, autobiografische Züge tragen, haben sogar die unterschiedlichsten von ihnen auch ein paar Gemeinsamkeiten, die einem erst richtig zu Denken geben, wenn man sie alle kennt, die vermutlich eher erinnerten, die wahrscheinlich mehr erfundenen und jene, aus deren – in Zeitungsmeldungen bestenfalls skizzierten – Schicksalen, Verhängnissen, Taten etwas hervorlugte oder -lugt, das einen Friedrich Christian Delius veranlaßt zuzugreifen, ein Fädchen von dem, was dieser Schriftsteller braucht für einen, richtiger seinen, literarischen Stoff. – Sie mögen, vielleicht weil Sie in einem anderen Soziotop und politischen System aufgewachsen sind, also andere Hintergründe, Erfahrungen, Prioritäten haben, anderes wichtiger finden, doch mich beeindruckt am stärksten, wie genau unser Preisträger den Ton seiner Figuren trifft, egal ob er sie aus der Ich-Perspektive erzählen oder miteinander reden oder, personal geführt, absolut glaubwürdige, ja „gefühlsechte“ Monologe und Gedankenmonologe halten läßt; „er geht“, schrieb ich aus Anlaß seines sechzigsten Geburtstags, „in seine Figuren hinein, er vertraut ihnen, auf daß sie sich ihm anvertrauen, er spielt mit ihnen ernste, ja, existentielle Spiele, manchmal auch nur Schicksal – oder sonst ein Instrument –, aber er ist dabei kein anderer als Friedrich Christian Delius, allerdings ein von Buch zu Buch sich verändernder, von dem ich also nie sagen kann: Jetzt kenne ich ihn. Darin, in dieser Lust, in diesem Mut zur Metamorphose, liegt seine originäre Qualität.“ Die, wie ich heute ergänzen darf, bewirkt, daß Delius (Kunst)Figuren nicht nur lebendig werden, sondern es, im Unterschied uns sterblichen „Modellen“ für so gelungene „Originale“, ganz gewiß auch bleiben. Lebendig bedeutet – „nach Naßgabe meiner Begreifungskraft“, – daß sie eben keine des Autors Thesen verkündenden „Papiertiger“ sind, keine Prototypen, Karikaturen, Plakate oder Sprechblasen, sondern derart beweglich und ambivalent, daß man, erst recht beim Wieder- und Wiederlesen, immer neue Aspekte an ihnen entdeckt – und weitere Wechselwirkungen von Ursache und Tatsache, Implosion und Explosion, Plan und Reflex, Ohnmacht und Gewalt, die – nicht unbedingt kausalen – Reaktionsketten der mal empfangenen, dann wieder ausgeteilten Schläge aller Art, die Antworten in gleicher Sprache, aber immer anderen Verbindungen provozieren: Schicksalsschlag, Befreiungsschlag, Rückschlag, Vorschlag,… – Literarische Begabung, soziale Leidenschaft und intellektuelle Kompetenz unseres Preisträgers mögen „in Tateinheit“ bewirken, daß ihm die meisten seiner Charaktere derartig kompakt und komplex geraten können, so dialektisch, im besten, eben nicht dogmatischen Sinne; nie ist einer wie Paul Gompitz hauptsächlich Held oder einer wie Hannes vorwiegend komisch, beide sind, allerdings unter reziproken Bedingungen, beides in nahezu gleichem Maße, die – auch von ihnen geschaffenen – Buch-Wirklichkeiten ihrer erzählten Leben aber nicht die Summe ihrer Möglichkeiten. Doch nicht nur darin ähneln diese Delius-Figuren sich selbst und einander und ihm und mir; sie sind zudem, von wenigen Ausnahmen abgesehen, eine prachtvolle Kollektion deutscher Menschen. Jede dieser so merkwürdig menschlichen Delius-Figuren hat ihre Geschichte und sie alle haben unsere. Was immer sie tun, als ein kindliches Rädchen, das nicht rund läuft in der religiösen Mechanik seiner Vater-dominierten Pfarrersfamilie, als in den Luisenwahn abgestürzter Medienstarschriftsteller von homöopathisch verdünntem blauen Blute, als trotzig-sächsischer Odysseus auf dem altmodischen Romantiker-Trip gen Italien, als klagelauter „keiner Sautrompeter“ vorm jüngsten Gerücht von einer neuen Berliner Republik, als männliche Jungfrau des spitznamens Buster, den eine Antivietnamkriegsdemo endlich in die Arme einer israelischen Soldatin wirft, als Mördermörder und Richterrichter, der es auch nur am Schreibtisch tut, aber nicht aus Feigheit, sondern weil er weiß, daß die Geschichte, die er erzählen muß, das Gegenteil eines Todesurteils ist, die Mallorca-Touristin in der entführten Lufthansa-Maschine, die ihren Peiniger, den palästinensischen Terroristen Jassid, in Gedanken Adolf nennt, sie tun es – unüberlesbar – als Deutsche. Sie sind deutsch, obwohl, nicht weil, sie auch komisch sind und umgekehrt – und nicht immer macht sie das sympathisch – und nie automatisch sympathisch, nur menschlich eben. – Das Begriffspaar „Deutsche Menschen“ löst beinahe zwangsläufig die Assoziation zu Walther Benjamins gleichnamiger Anthologie aus, obwohl die Autoren der in diesem Band versammelten Briefe ganz andere deutsche Menschen sind als die des Friedrich Christian Delius. Dessen moderne deutsche Nachkriegs-Menschen, oder sollte ich besser Figuren sagen(?), schreiben kaum einmal Briefe, schon gar nicht solche, die so anrührend sanft und geradlinig wären, wie jene Clemens Brentanos, Friedrich Schlegels, Samuel Collenbuschs, Johann Gottfried Seumes, die Walther Benjamin unter dem Pseudonym Detlef Holz im Exil herausgab, weil er das „Volk des Führers“ an seine großen Humanisten erinnern wollte, vier Jahre vor 1940, dem Jahr, in dem er sich umbrachte, mit 49 Jahren und einer Überdosis Morphium, dem Jahr, in dem sich auch der zum Zeitpunkt seines Todes nur noch ein Jahr ältere Walther Hasenclever mit „Veronal“ vergiftete, Benjamins Kollege und Schicksalsgenosse, der 1939, in einem seiner letzten Briefe an den Bruder Paul schrieb: „Ich hänge, leider, noch am Leben…“
Bevor und während ich diese Laudatio verfaßte, las ich einige Bücher von Friedrich Christian Delius wieder und einige zum ersten Mal, so auch „Mogadischu Fensterplatz“, jenen schon 1987 erschienen mittlern Roman der Trilogie „Deutscher Herbst“, in dem die Biologin Andrea versucht, sich das Trauma ihrer fünftägigen Geiselhaft in der „Landshut“ von der Seele zu reden, und ich staunte: Nicht nur über die keinen irgendwie vorstellbaren Gedanken, keine mögliche Gemütsregung außer Acht lassende poetische Präzision des Autors, der hinter dieser einerseits klar reflektierenden, andererseits dem Erlebten noch immer distanzlos ausgesetzten Ich-Erzählerin steckt, nicht nur darüber, daß diese Figur, empört ob der allenthalben herrschenden ängstlichen Gehorsamkeit, einen Satz denkt, mit dem zwei Jahre später Millionen deutscher Menschen den Sturz ihrer Regierung bewirkten, den Satz „Wir sind das Volk…“, sondern ich staunte auch über mich. Denn ich las dieses Buch, das ich vor 17 Jahren gewiß schon literarisch gut, aber wohl vor allem spannend gefunden hätte, nun als einen Text, der mich so gründlich wie kaum ein anderer auf eine Erfahrung vorbereiten konnte, die mir möglicherweise noch bevorsteht, die ich – vielleicht morgen, vielleicht erst in einem Jahr – machen muß, eine Erfahrung, die jetzt nicht mehr „exotisch“ wäre, ja, nicht einmal mehr außergewöhnlich, und die ich mir, wenn ich sie denn überlebte, wahrscheinlich nicht von der Seele schreiben könnte, weil nicht auszuschließen wäre, daß ich dann gar nicht mehr schreiben könnte – oder wenigstes lesen…

Lieber Christian, ich gratuliere Dir zum Walter-Hasenclever-Literaturpreis. Ich danke Dir und Ihnen allen für die Aufmerksamkeit.

In: Jahrbuch der Walter-Hasenclever-Gesellschaft 2002-2004. Shaker Verlag, Aachen 2005

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