Friedrich Christian Delius, FCD

Buch: Mogadischu

Mogadischu Fensterplatz
Roman

264 Seiten, gebunden, Rowohlt 1987

auch in „Deutscher Herbst“ enthalten

rororo taschenbuch Werkausgabe
272 Seiten, € 9,99
ISBN 978-3-499-26763-5

 

Übersetzungen ins
– Bulgarische (Plovdiv 1993. Ü: V. Konstatinov)
– Französische (Otage classe touriste. Editions
Francois Bourin, Paris 1989. Ü: Olivier Mannoni)
– Italienische (Mogadisciu – Cronaca di un dirottamento.
Sugarco Edizioni, Milano 1990. Ü: Adriano Caiani e Stefano Viviani)
– Japanische (Tokyo 1992)
– Polnische (Lot do Mogadiszu. Panstwowy Institut Wydawniczy, Warszawa 1999.
Ü: Barbara Farnas)
– Türkische (AFA Yayinlari, Istanbul 1988. Ü: Leman Caliskan)

Theaterversion: Staatstheater Stuttgart 2007


„Mogadischu Fensterplatz“ ist die Geschichte einer jungen Frau, die fünf Tage und Nächte als Geisel mit über achtzig anderen Lufthansa-Passagieren in einem entführten Flugzeug gefangensitzt. Die äußeren Ereignisse sind an der „Landshut“-Entführung im Jahre 1977 orientiert, an jenem 106stündigen Geiseldrama der deutschen Mallorca-Urlauber, das sich über drei Erdteile erstreckte, in Palma seinen Anfang nahm und mit der Stürmung der Maschine in Mogadischu beendet wurde.Es kommt hier aber eine strikt fiktive Figur zur Sprache, die junge Biologin Andrea Boländer, die sich auf ihrem Fensterplatz Reihe zehn im Zentrum der Erpressung befindet, gezwungen zur Passivität und zum Beobachten. Ohne Informationen kann sie über den politischen Zusammenhang , in den sie „hinaufkatapultiert“ wurde, nur spekulieren. Provoziert von einem skandalös bürokratischen Fragebogen des deutschen Versorgungsamtes an die „Opfer von Gewalttaten“ nach ihrer Befreiung, nimmt sich Andrea vor, die erlebten Schrecken minuziös zu beschreiben, noch einmal zu erinnern und in der Erinnerung zu wiederholen.Sie schreibt nur das auf, was sie in der Kabine beobachtet und empfunden hat und zieht den Leser damit in die Gruppe der Geiseln hinein, auf den engen Sitz, zur Bewegungslosigkeit und zum Schweigen verurteilt; zieht ihn in die Beklemmungen hinein, in die Wut und die Scham, sich nicht gewehrt zu haben; in die Aggressionen zwischen Geiseln und die emotionalen Annäherungen der Opfer an die Entführer; in Todesängste, Hitzenächte, Phantasien, die Ungewißheit der ablaufenden und verlängerten Ultimaten, bis hin zur unglaublichen Befreiung; in das ganze absurde, blutige Theater des Terrorismus.
Delius protokolliert den Alptraum einer modernen Gefangenschaft – zwischen Terror, Politik, und Medien. Nach „Ein Held der inneren Sicherheit“ ist „Mogadischu Fensterplatz“ der zweite Teil einer Chronik des Jahres 1977, des Wendepunkts der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte.

Rezensionen

Weitere Pressestimmen

Zerstörte Klischees

Friedrich Christian Delius: „Mogadischu Fensterplatz“

Dutzende schlechter amerikanischer Spielfilme haben unsere Vorstellung von Flugzeugkatastrophen und Luftpiraterie geprägt: nervöse Anweisungen smarter Piloten, Drohungen meist dunkelhäutiger Gewalttäter, verzerrte Kommandos eines fachkundigen Krisenstabes im Tower. Ergänzend dienen einsetzende Wehen oder das Fehlen eines lebensrettenden Medikamentes der Dramaturgie des Grauens ebenso wie kurze Zwischenschnitte: die brennende Tragfläche, die Tankanzeige, der Zeitzünder oder die Handgranate des Luftpiraten. Meist enden derartige Filme nach Heldentaten einzelner Nervenstarker auf dem weissen Schaumteppich einer Landepiste in Umarmungen weinender Wartender und ihrer erschöpften Angehörigen.
Pressebereichte über reale Ereignisse dieser Art greifen die Klischees amerikanischer Spielfilme auf: Phantombilder oder Fahndungsphotos kaltblütig wirkender Gewaltverbrecher einerseits, tränenüberströmte Kindergesichter und Amateurphotos der Opfer andererseits. Die Form der Berichterstattung entspricht dabei dem jeweiligen Medium, seinem Zuschauer- oder Leserkreis.
Zehn Jahre nach der spektakulären Entführung einer westdeutschen Passagiermaschine veröffentlichte Friedrich Christian Delius bei Rowohlt seinen Roman „Mogadischu Fensterplatz“. Das Buch ist weder Tatsachenbericht eines Gewaltverbrechens noch emotionsgeladener Augenzeugenbericht. Delius demonstriert in „Mogadischu“ Möglichkeiten des Romanciers, die weder dem Reporter noch dem Historiker zur Verfügung stehen. Sein dritter Roman bedient sich literarischer Mittel des „Psychothrillers, der Dokumentarliteratur und des historischen Romans; er ist die exakt recherchierte, erzählerisch gekonnt konstruierte und sprachlich brillante Schilderung von Ereignissen, die im Bewusstsein der Öffentlichkeit längst zu Historie erstarrt sind.
Am 17. Oktober 1977 entführten vier Palästinenser eine Lufthanse-Maschine auf dem Flug von Mallorca nach Frankfurt. Am fünften Tag der Geiselnahme erschossen sie auf der letzten der fünf Stationen dieser Flugzeugentführung den Piloten. Eine deutsche Elitetruppe stürmte die Maschine in Afrika und tötete drei Palästinenser.
In ihrer nächsten Ausgabe zeigten die Illustrierten daraufhin in nahezu identischen „Exklusivberichten“ die Gewalttäter, ihr Todesopfer sowie halbnackte Mädchen auf der Tanzfläche einer Diskothek. Die Bildunterschriften nannten die Namen der drei braungebrannten Touristinnen, die im Diskofieber beinahe den Rückflug nach Frankfurt verpasst hatten und so der Flugzeugentführung entgangen wären. Analog die Sensationsphotos der Illustrierten: das Geschütz eines Wüstenpanzers neben dem Bikinihöschen einer Diskobesucherin.
Ganz anders führt Delius seine Leser an die Ereignisse vom Oktober 1977 heran. „Mogadischu Fensterplatz“ ist der fiktive Bericht einer Andrea Boländer, die vier Wochen nach ihrer Befreiung aus der Hand der Geiselnehmer beim Ausfüllen eines amtlichen Fragebogens an ihre Entführung zurückdenkt und von ihren Ängsten, ihrer Wut und ihren Fluchtversuchen in Träume und Phantasien berichtet. Auch sie erinnert sich dabei eines jener Diskomädchen. Im Gegensatz zu Spielfilmregisseuren und Boulevardreportern schildert Delius dieses Entführungsopfer jedoch aus der Perspektive seiner Ich-Erzählerin als ein junges Mädchen, das den Ernst der Lage kaum wahrnimmt. Vielmehr beschäftigt sie die Beziehung zu ihrem Freund, der zu Hause auf sie wartet.
Im Buch wird das aus einstigen Presseberichten aufgebaute Klischee von der sinnenfrohen „Disco Queen“ zerstört. Als Romanfigur ist jene Petra ein nettes, naives Mädchen, das so sehr in seine kleine privaten Probleme vertieft ist, dass es die eigentliche Gefahr, die ihm an Bord des entführten Flugzeugs droht, kaum wahrnimmt. Sie gewinnt im Roman eine menschliche Dimension, die in der Boulevardpresse verkaufsfördernd verzerrt wurde und in zeitgeschichtlichen Darstellungen als ein Einzelschicksal ohne Belang sein wird.
Ob rein fiktiv oder auf der Grundlage dokumentarischen Materials – die von Delius niemals totgesagte schöne Literatur ist imstande, in der Darstellung bereits historischer Tagesthemen Formen trivialer Darstellung aufzubrechen. So stirbt in „Mogadischu“ auch der Flugkapitän nicht etwa den Heldentod: Er kam als routinierter Luftwaffenoffizier zur Zivilluftfahrt und versucht nun, die eigene Angst niederzuringen und das zu tun, was im Fall einer Flugzeugentführung Vorschrift ist: Der Versuch scheitert. „Captain Mahmud“, im Roman „Jassid“ genannt, richtet den als „Verräter“ beschimpften Flugkapitän vor den Augen der gekidnappten Passagiere hin. Delius schildert diesen ersten Höhepunkt an Gewalt und Brutalität aus der Perspektive seiner Erzählerin Andrea Boländer, die das schlecht inszenierte Standgericht und die folgende Erschiessung am Ende des Ganges anfangs nicht begreift. Zu sehr ist sie mit ihren physischen und psychischen Nöten beschäftigt, zu sehr schon an das pathetische Gehabe der Entführer gewöhnt.
Was am Frühstückstisch des Zeitungslesers schockiert, verliert nach viereinhalb Tagen ständiger Bedrohung durch fanatisierte Gewalttäter an Schrecken. Delius zeigt in seinem neuesten Roman vor allem den Alltag der Angst, die Abstumpfung und das Sichgewöhnen an offene Gewalt. Die Befreiung wird von vielen der Geiseln kaum mehr bewusst wahrgenommen. Sie findet nach mehrfacher Verlängerung des Ultimatums zu einem Zeitpunkt statt, als sich die Opfer bereits mit ihrer Rolle abgefunden haben und den Tod jeden Moment erwarten. Beinahe ist der Hass Andrea Boländers gegen ihre Entführer intim geworden. Die Mimik der Befreier, ihr Umgang mit dem Tod, der ihre Züge geprägt hat, unterscheidet sich für die Befreite in nichts von dem hasserfüllten Antlitz er Entführer. In beiden Fällen sind es Gesichter von Menschen, die es gelernt haben, für eine Idee oder im Auftrag anderer Menschen zu töten. Die Befreiung des erzählenden Opfers wird zur Flucht vor den Kameraobjektiven der Reporter, denen sie in Mogadischu entgegentaumelt.
Andrea Boländers subjektiver Bericht von der Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ ist eine künstlerische Gegendarstellung zu amtlichen Stellungnahmen und sensationslüsternen Presseberichten. Delius‘ Roman setzt dort ein, wo die Nachrichten einst endeten. Die Phantasie und die Sprachkraft seiner Ich-Erzählerin heben die authentisch wiedergegebenen Fakten auf eine neue, die literarische Ebene. Spannend erzählt, ist „Mogadischu Fensterplatz“ mehr als ein Thriller. Auch begnügt sich Delius nicht mit Formen klassischer Dokumentarliteratur. Über Tonbandprotokolle, Statistiken und Dokumente hinaus ist Mogadischu nicht nur historischer Schauplatz, geschildert werden Tage im Leben der fiktiven Romanfigur Andrea Boländer, deren erfundene Biographie von Bad Nauheim und Tübingen ebenso bestimmt ist wie von Rainer und Stefan, von denen sie auf Mallorca Abstand gesucht hat, oder von Petra und Ingeborg, neben denen sie die Tage an Bord des entführten Flugzeugs verbringt. Sprachlich souverän erzählt F.C. Delius in Rückblenden das Leben seiner Romanfigur und lässt sie in Träumen, mit denen sie der Todesangst zu begegnen sucht, ihr weiteres Leben entwerfen.
Die Leser dieses Romans werden künftig amerikanische Spielfilme über smarte Piloten und dunkelhäutige Gewalttäter wenn überhaupt, mit anderen Augen sehen.

(Michael Bauer, Neue Zürcher Zeitung, 06.02.1988)

Mit den Augen eines Terroropfers

Thriller und Lehrstück in einem: Der Roman „Mogadischu Fensterplatz“ von Friedrich Christian Delius

Andrea Boländer, Opfer der Entführung eines Lufthansa-Flugzeuges mit mehr als 80 deutschen Touristen auf der Rückreise von Mallorca an Bord, erzählt die Geschichte dieser Entführung. Ein Palästinenser-Kommando hat die Maschine in seine Gewalt gebracht, um – es ist das Jahr 1977 – „die Baader-Leute“ freizupressen. Fünf Tage dauert der Horror. Dann, als die Geiseln mit ihrem Leben schon abgeschlossen haben, endet er in einer spektakulären Befreiungsaktion. Wer erinnerte sich nicht an Mogadischu.
30 Jahre alt, Biologin, Assistentin in Tübingen, ist Andrea Boländer eine ganz normale junge Frau ohne besondere Interessen über Beruf und Privatleben hinaus. Sie hatte die Reise gebucht, um sich über ihre Gefühle klar zu werden, zu entscheiden; wen sie nun liebt, ihren Freund Rainer oder „den anderen“, der in ihre zeitgemäß aufgeklärte Beziehung hereingeplatzt war. Dabei ist sie Rainer wieder ganz nahe gekommen, hat umgebucht, um zwei Tage früher wieder bei ihm zu sein. Und nun das, ganz zufällig, auf mehrfache Art zufällig. So kann es jedem passieren.
Als sie erzählt, hat Andrea Boländer schon Abstand von den schreckensvollen, dramatischen Vorgängen. Unmittelbar nach der Befreiung war auch sie ein Objekt der Medien geworden, hat auch sie in Interviews immer routinierter, immer „falscher“ über ihre Erlebnisse ausgesagt. Nun, zu Beginn des Romans, geht es um einen „Antrag auf Versorgung nach dem Gesetz über die Entschädigung für die Opfer von Gewalttaten“. Der erste Satz des Romans allerdings lautet: „Ich werde den Antrag nicht ausfüllen.“ Andrea Boländer hält die bürokratisch platt vereinfachenden Fragen im Antrag für „verrückt“. Und dennoch, deshalb gerade: „Ich muß von vorn beginnen, noch einmal. Warum regt so ein albernes Formblatt mich auf, reißt mich zurück, lädt das Gedächtnis auf, schwemmt Bilder, Grimassen und Laute heran, brennt mir den Gestank auf die Haut und schließt mich wieder ein in das Flugzeug?“
Friedrich Christian Delius hat für seinen dritten Roman, dessen Titel „Mogadischu Fensterplatz“ bereits die zeitgeschichtlichen und -analytischen Intentionen des Autors erneut deutlich anzeigt, diese Andrea Boländer als Medium und Sprachrohr gewählt. Und ihr Name vor allem steht für das, was Fiktion ist in einer Geschichte, die sich, wie Delius in einem Vorspruch festhält, ganz direkt auf die veröffentlichten Aussagen ehemaliger Geiseln, insbesondere des Lufthansa-Flugzeugs ‚Landshut'“ stützt. Einer Geschichte, die des Autors eigene, dokumentarisch abgesicherte, erzählerische Rekonstruktion der Innenansicht von Terror in seiner massivsten Ausprägung darstellt, nur eingerichtet auf die Empfindungen und Wahrnehmungen eines weiblichen Terroropfers. Und nicht nur Rekonstruktion – auch Deutung, geschichtliche und gesellschaftliche Erläuterung des Terrors stehen auf dem Programm. Delius will mitteilen, zu welchen Einsichten gerade ein Terroropfer gelangen könnte, sollte, wenn es sich richtig erinnert.
Viel Künstlichkeit und Konstruktion also. Aber sie irritieren nicht, sie erweisen sich als effektsicher eingesetzte Strategien, politische Realität zu fassen und im Interesse gesellschaftlicher Wirkung vorzuführen. Grund fürs Gelingen ist zunächst einmal die schockierend anschauliche, minuziös auf unmittelbares Erleben bezogene Darstellung der Qualen, die Andrea Boländer und ihre Mitgeiseln erleiden. Die Waffen, die schreienden Drohungen, die gewalttätigen Gesten allein sind da noch wenig. Dies sind ja auch noch nicht alle Techniken der Einschüchterung und Knebelung, die Menschen wehrlos machen. Sich vom eigenen engen Platz nicht wegrühren zu dürfen, bedeutet bald größere Qual. Arme und Beine schlafen ein, scheinen zu zerfallen. Sich über längere Zeit nicht entleeren zu dürfen, tötet alle Wahrnehmung ab, und dann der ständig zunehmende Gestank der Exkremente so vieler Menschen, die statt weniger Stunden fünf Tage lang im selben Gewölbe zusammengepfercht sind. Durst und Hunger, Sauerstoffmangel, Hitze und der eigene Schweiß zerfrißt die Haut. Die Zeit dehnt sich entsetzlich, scheint stillzustehen.
Andrea Boländer erlebt diese Hölle Stunde um Stunde, tagelang in wechselnden, schließlich alle Hoffnung ausschließenden Schüben, und Delius läßt es miterleben. Eindringlich, gewiß zutreffend, genau auch die Schilderung der Versuche, in Vorstellungen, Tagträume, Schlaf zu flüchten. In den physischen wie psychischen Zuständen der fiktiven Ich-Erzählerin, ihrem Erleben plausibel fundiert zu dem allen dann noch, wie ein Hauch von Utopie, ein Erkenntnisprozeß. Wie Delius ihn Andrea Boländer in die Feder diktiert, das greift in seiner Differenziertheit über das Artikulationsvermögen einer in dieser Hinsicht ungeübten Naturwissenschaftlerin offensichtlich hinaus. Aber keineswegs unbedingt über ihre Fähigkeit zur Einsicht.
Die Ich-Erzählerin empfindet qualvoll auch die eigene Freiheit, ihre eifrige Bereitschaft, sich zu unterwerfen, die peinlichsten Rituale mitzuspielen, sogar über den Tod eines anderen hinwegzusehen. Kein Gedanke an Gegenwehr, immer nur der Wunsch, dem Schrecken doch noch in die eigene kleine, wohlausgestattete Freiheit zu entkommen. Als der Anführer der Terrorgruppe versucht, seinen imperialistischen Gefangenen in einem langen wirren Vortrag das böse, in seinen Augen von den Israeli verursachte Schicksal seines Volkes nahezubringen und sich damit indirekt zu rechtfertigen, ödet sie das an. Aber es läßt sie unversehens doch über die Genealogie des Terrors nachdenken. Für die Palästinenser sind die Israeli die Schuldigen, die Verursacher. Die Juden fühlen sich gerechtfertigt vom Genozid durch die Deutschen. Worauf konnten einst, können heute die Deutschen sich beziehen, wenn sie nackte Gewalt anwenden? Inzwischen wieder auf den Terrorismus von Palästinensern und anderen. Ein Kreislauf? Nachdem das Flugzeug gestürmt ist, die Geiseln befeit sind, herrscht einen Augenblick lang Empörung unter ihnen, weil sie merken, daß auch ihre Regierung sie als Einsatz im Pokerspiel benutzt hat, um zu gewinnen, um die Herausforderer zu schlagen. Auch ihre eigene Regierung hat ihr nacktes Leben als Pfand benutzt. Erzählend erinnert Andrea Boländer sich.
Der Roman „Mogadischu Fensterplatz“ hat alle Merkmale eines Thrillers, der nicht einfach spannende Lesestunden anbietet, sondern Spannung realistisch zum Medium der Erhellung zeitgeschichtlicher, politischer, gesellschaftlicher Zustände werden läßt. Nach dem Auftritt eines strebsamen Nachwuchs-Ideologen im herrschenden westdeutschen Interessenverband, wie Delius ihn in seinem Roman „Ein Held der inneren Sicherheit“ porträtiert hat, nach dem Auftritt eines Chile-Flüchtlings deutscher Herkunft im Roman „Adenauerplatz“, dessen Titel die ganze bundesdeutsche Wohlstandsgesellschaft symbolisiert, jetzt also ein Terroropfer, ein zufälliges Opfer, das ahnen läßt, in welchem Ausmaß jedermann in Gefahr, aber unbestimmt auch haftbar ist.
Das Konzept des Erzählers Friedrich Christian Delius ist nunmehr deutlich erkennbar. Seine Erzählstrategie, die sich in „Adenauerplatz“ noch in den Aktualitäten und Fakten verfangen hatte, ist in „Mogadischu Fensterplatz“ ausdifferenziert und in der Anwendung souverän. Dieser Roman, der zumindest indirekt immer wieder an Heinrich Mann denken läßt, ragt in seinem literarisch begründeten politischen Anspruch ziemlich einsam über die subjektivistischen Untiefen der Literaturszene heute hinaus. Vielleicht ist er ein Signal.

(Heinrich Vormweg, Süddeutsche Zeitung, 07.10.1987)

Die Kreisläufe der Gewalt

F.C. Delius‘ „Mogadischu“-Roman

Mit dem Ausfüllen eines „Antrages auf Versorgung nach dem Gesetz über die Entschädigung für die Opfer von Gewalttaten“ beginnt Friedrich Christian Delius‘ neuer Roman Mogadischu Fensterplatz. Ausgefüllt wird dieser Antrag von einer jungen Frau, der dreißigjährigen Zoologin Andrea Boländer, einer Passagierin der „Landshut“, jener Lufthansamaschine, die im Oktober 1977 während der Schleyer-Entführung gekidnappt wurde. Fünf Wochen danach füllt die Tübinger Tierforscherin ihren Entschädigungsbogen aus, und Delius läßt nun aus ihrer Erinnerung und Perspektive noch einmal die Flugzeugentführung Revue passieren.
Als Andrea Boländer am 13. Oktober 1977 gemeinsam mit 85 weiteren Passagieren in Palma de Mallorca die „Landshut“ besteigt, um nach Frankfurt zurückzufliegen, beginnt sie sogleich einen Abschiedsbrief zu schreiben. Sie war zu ihrem Kurzurlaub nur deshalb nach Mallorca geflogen, um sich endlich darüber klar zu werden, welchem ihrer beiden Freunde in Tübingen sie den Laufpaß geben sollte. Als sie, auf ihrem Fensterplatz Reihe 10, dem Papier ihre Entscheidung anvertraut, geschieht es: „Hands up. Don’t move!“ Rufe, Schreie, Verwirrung – bis sich herausstellt, daß ein „Captain Jassid“ und drei weitere Personen mit Pistolen und Sprengstoff das Flugzeug in ihre Gewalt gebracht haben.
Was der jungen Wissenschaftlerin zunächst wie eine Filmszene erscheint, erweist sich in jeder Hinsicht als Wirklichkeit. Die vier Palästinenser, zwei Frauen und zwei Männer, die sich mit Zahlen anreden, versetzen die Fluggäste und Flugzeugbesatzung in Furcht und Schrecken: mit herrischen Kommandos, brutalen Schlägen und durch das Verweigern des Toilettenbesuchs. Am quälendsten jedoch empfindet Andrea Boländer die allgemeine Ungewißheit über ihr Schicksal. Nichts wird den Passagieren mitgeteilt, nichts verlautet über die Forderung der Entführer.
Delius, der sich auf veröffentlichte Zeugenberichte ehemaliger Geiseln stützt, beschreibt die Wahrnehmungen und Bewußtseinsinhalte der jungen Wissenschaftlerin, die in Tübingen „Ultraschallsinne schädlicher Insekten“ erforscht, fast mikroskopisch. Benennungs- und Unterscheidungsübungen – sie benennt und unterscheidet, was ihrem Gesichtskreis erschlossen ist – wechseln ab mit Tagträumen, „angenehmen Vergangenheiten“, in die sie sich aus ihrem Flugzeuggefängnis davonstiehlt. Und dann: Wie wäre es, wenn die Entführer das Flugzeug abstürzen ließen? Und sie wundert sich darüber, daß so viele Menschen sich gegen so wenige Peiniger nicht zur Wehr setzen.
Nach mehreren Starts und Landungen schwächen sich die schmerzhaft gewordene Erwartung, die atemlose Spannung vorübergehend wieder ab. „Captain“ Jassid gibt endlich die Bedingungen der vier palästinensischen Entführer bekannt: Die Flugzeuginsassen würden erst freigelassen, wenn die „imperialistische deutsche Regierung“ neun deutsche „Genossen aus den faschistischen deutschen Gefängnissen“ freiließe. Andernfalls werde die „Landshut“ in die Luft gesprengt.
Großen Wert legen die Entführer darauf, daß sie „Freiheitskämpfer und keine Terroristen“ sind. Eine Unterrichtsstunde erteilt Jassid den deutschen Urlaubern über die Geschichte des palästinensischen Volkes: die Briten hätten ihr Land „an die Zionisten verschachert“, „ganze Dörfer“ seien „niedergemetzelt“ worden, „eine Million Palästinenser zur Flucht getrieben“. Und: Der „Bonner Neo-Nazismus“ sei neben den USA der „wichtigste Verbündete“ des Zionismus. Seit dreißig Jahren „bettelten“ sie, die Palästinenser, vergeblich um ihre Rechte; vor den UN und selbst vor ihren arabischen Brüdern.
Jassids Verteidigung bleibt nicht ohne Wirkung auf Andrea Boländer. Wurden, denkt die politisch nicht sehr interessierte „Normalbürgerin“, die auf dem zweiten Bildungsweg ihr Abitur nachgeholt und Biologie studiert hat, wurden die Palästinenser angesichts dieser Misere nicht dazu gezwungen, „zu immer gröberen Mitteln“ zu greifen?
Delius läßt sich nicht nur dokumentarisierend genau auf das äußere Geschehen in diesem Flugzeug ein, mit viel Sinn für feine Unterschiede zeichnet er Psychogramme von Opfern und Tätern.
Andrea Boländer fallen die ständigen Widersprüche im Verhalten Jassids auf: Einerseits droht er, eingeübt in die selbsttätigen Abläufe eines hijacking, mit der Erschießung des Flugkapitäns (die später auch erfolgt), andererseits läßt er mit Sekt den Geburtstag einer Stewardeß feiern. Er schlägt Frauen, die nichts als israelische Visen in ihren Pässen haben, und läßt dann plötzlich wieder von ihnen ab und verhält sich so, als wolle er einen Irrtum wiedergutmachen. Die „Kriegsreligion“, die Jassid innerlich ausstattet, vereinfacht alles zum Gut oder Böse, und die „Kriegslogik“, derer er sich dabei bedient, reduziert alles aufs Entweder-Oder. Im Kreislauf vererbter, sich stets neu zeugender Gewalt ist Jassid ein Teilchen, Teil eines Gewaltkreislaufs, der mit dem Genocid der Nazis begann. Aus diesem verhängnisvollen Kreislauf, so wird Andrea bewußt, gilt es auszubrechen, will man nicht immer nur alles verstehen und entschuldigen: „…wo keine Logik und kein Sinn und keine Humanität mehr zu finden sind, da landen wir bei den Vätern und Großvätern.“
Je länger diese Entführungstortur dauert, desto mehr wächst die Spannung in dem stinkenden, von der Körperwärme überhitzten Flugzeug. Diese Spannung fängt Delius ein. Körperliche Zustände werden immer bedrückender: das durch die lange Unbeweglichkeit ins Stocken geratene Blut, das Schmerzen der Glieder, die unerträglich werdende Schweißsekretion, die ins Unbeschreibliche sich ausweitenden sanitären Verhältnisse. Delius ist ein genauer Chronist dieser Einzelheiten. Spitzt sich das alles noch einmal zu, hat Andrea Boländer den Eindruck, sie erlebe alles nur wie auf einer Bühne. Und auch am Ende, als sich die Spannungszustände noch einmal gesteigert haben, halluziniert sie, daß Entführer und Befreier eins geworden sind. Tod oder Nichttod, das ist fast unwichtig geworden gegenüber der Tatsache, daß überhaupt etwas geschieht.
Delius beschreibt das Auf und Ab psychischer Vorgänge, die schließlich in Halluzinationen umschlagen, mit ebensoviel Feinsinn wie die erzwungenen Nachbarschaften Andrea Boländers: Petra, die sich in Diskotheken an Schönheitswettbewerben beteiligt, und Ingeborg, eine Kosmetikerin aus Heusenstamm. Delius kleidet die Rollenprosa seiner weiblichen Hauptfigur in eine gedrängte, manchmal gehetzt wirkende Sprache. Das entspricht gewiß dem Wahrnehmungsmuster der Situation, wirkt aber doch zuweilen zwanghaft (und sprachlich zu nüchtern).
Wen es stört, das Delius‘ Figur eine neutrale, unpolitische Beobachterin ist, der könnte das auch als listigen Schachzug des Autors auffassen: Das Geschehen wird dadurch authentischer und seine „Moral“ glaubhafter, die „Moral“, daß ohne Kenntnis der Motive der Gewalttäter sich Kreisläufe der Gewalt kaum durchbrechen lassen, zu durchbrechen aber gilt es sie, zumal wenn Schuldlose in diese tückischen mörderischen Kreisläufe geraten. In Mogadischu Fensterplatz hat Delius diesen Gewaltkreislauf spannend und subtil dargestellt: durch die Beschreibung der Vorgänge im Inneren des stickigen Flugzeugschlauchs während einer fünf Tage dauernden Odyssee zwischen Spanien, Arabien und Afrika.

(Stephan Reinhardt, Frankfurter Rundschau, 07.10.1987)