Friedrich Christian Delius, FCD

Stille Post

Kulturaustausch im Bereich der Ringbahn

Gespräch mit Friedrich Christian Delius am 17. September 2003 in Berlin

Sie haben am Anfang der sechziger Jahre zu publizieren begonnen. Zugleich haben Sie während Ihres Germanistik-Studiums auch in der Redaktion der alternative gearbeitet und konnten dort 1963 Lyriker der DDR für eine Schwerpunktausgabe gewinnen. Wie wir aus dem Gespräch mit Yaak Karsunke erfahren haben, war diese Ausgabe für viele Interessierte aus dem Westen der erste Berührungspunkt mit der jungen DDR-Lyrik. Wie ist dieses Heft entstanden?

Ich war – wie das ja so oft ist – durch ein paar Zufälle zur Mitarbeit an diesem Heft gekommen. Im Mai 1963 hatte ich Gedichte an die alternative geschickt, die kurz darauf veröffentlich wurden. Dann hat mich Volker von Törne angerufen – sie wollten die Redaktion umbauen und boten mir das Ressort Lyrik an. Das war in meinem ersten Semester, Lyrik war sowieso mein Gebiet, also war ich dabei. Ich prüfte die eingesandte Lyrik – aber die damaligen Macher der alternative, Stefan Reisner, Volker von Törne und Reimar Lenz, hatten die Lust an der Zeitschrift, auch aus finanziellen Gründen, verloren und gaben sie im Herbst ’63 an die Literaturwissenschaftlerin Hildegard Brenner ab – und erst mal auch an mich. Frau Brenner plante ein Heft mit DDR-Literatur. Alle Mitarbeiter bekamen den Auftrag, bestimmte Autoren zu besuchen und Manuskripte für das Heft mitzubringen.

Erinnern Sie sich, wer Ihnen zugeteilt wurde?

Natürlich! Friedemann Berger und Günter Kunert. Ich kannte beide vorher nicht, bin also ohne viel Vorkenntnisse im Oktober ’63 zu Günter Kunert nach Berlin-Treptow gefahren. Das ging relativ unkompliziert – ich habe unser Projekt vorgestellt, und er gab mir die Gedichte, die dann auch abgedruckt wurden. Genauso lief es bei Friedemann Berger, Tucholskystraße, Souterrain. Er hatte damals nur wenige Gedichte publiziert, noch keinen ganzen Band, er war mit Bobrowski befreundet, der ihn uns wohl empfohlen hatte. In diesem Dezemberheft 1963 wurde tatsächlich zum ersten Mal nach dem Mauerbau wieder neue DDR-Literatur im Westen publiziert.

Gab es Fragen nach der Art der Zeitschrift, der politischen Orientierung, Programmatik oder der Ästhetikkonzepte?

Sicher. Es war schnell klar, dass wir keine parteitreue Literatur wollten. Ausschlaggebend für die Autoren war, dass ihre Texte im Westen publiziert werden sollten. Nach dem Mauerbau hatte es ja einen regelrechten Boykott seitens der BRD-Verlage gegeben; so ist, wenn ich das richtig erinnere, ein Buch von Bobrowski, das bei Fischer erscheinen sollte, gestoppt worden, und so erging es auch anderen Texten, die mit der Mauer gar nichts zu tun hatten, nur mit dem Wohnort der Verfasser. Wir dagegen waren an der Frage interessiert, was jetzt, in diesen frühen sechziger Jahren, in der DDR entstand.

Uns ist aufgefallen, dass das alternative-Lyrikheft mit Rainer Kirschs Sonett „Meinen Freunden, den alten Genossen“ endet, mit dem Gedicht also, an dem sich ein paar Monate vorher eine heftige Lyrikdebatte im Sonntag entzündet hatte. Dadurch könnte man auf eine bestimmte Absicht bei der gesamten Lyrikauswahl schließen, etwa eine gewisse Solidarisierung mit Lyrikern, die im Zuge dieser Debatte angegriffen waren.

Natürlich war das eine der löblichen Absichten – das war das Konzept von Hildegard Brenner und Wendula Dahle. Ich war da, mit meinen zwanzig Jahren, nur am Rand beteiligt, hatte die Aufgabe, Berger und Kunert anzusprechen und Manuskripte mitzubringen. Nach dem DDR-Heft habe ich auch bei der alternative aufgehört. Ich war ursprünglich für die Lyrik angeheuert worden, und ab 1964 sollte die Zeitschrift eher in die literaturwissenschaftliche Richtung gehen, da hatte ich keinen Ehrgeiz.

War es trotz dem Ihr Einstieg in die DDR-Literatur?

Ja, auf jeden Fall. Zum einen durch die ersten persönlichen Begegnungen, die Freundschaft zu Kunert und Berger etwa hat über Jahrzehnte gehalten. Zum anderen aber auch einfach durch die Texte, die wir publiziert haben. Für mich fing damit die Entdeckung der in der DDR geschriebenen Literatur an. Später habe ich viele der im Heft vertretenen Autoren kennen und lesen gelernt, nach und nach: Volker Braun, Bernd Jentzsch, Rainer Kirsch, Adolf Endler. Paul Wiens druckte irgendwann Gedichte von mir in der NDL. Karl-Heinz Jakobs bin ich erst im Westen begegnet, ebenso Hartmut Lange und Christa Reinig. Einige Male war ich bei Johannes Bobrowski in Friedrichshagen, und dann, als Lektor, gab es die wichtigen Arbeitsbeziehungen mit Wolf Biermann in der Wagenbach-Zeit und mit Heiner Müller im Rotbuch Verlag, daneben dann Mickel, Brasch, Schütz.

Kam es in der Regel zu Zweierbegegnungen oder gab es auch Treffen zu mehreren, zu denen Sie als Westautor bewusst eingeladen wurden?

Die Art der Treffen war natürlich ganz unterschiedlich. Ich war nie bei diesen Literatentreffen der siebziger Jahre, wo eine Gruppe aus West und Ost zusammenkam und man sich gegenseitig Texte vorlas. Ich fürchtete da Spitzel, die meine Lektoratsarbeit gefährden könnten – diese Furcht war, wie wir heute wissen, zum Glück unbegründet. Meistens waren es also Einzelbesuche; ab und zu stieß ein Dritter zu uns. Volker Braun und Karl Mickel etwa lebten im gleichen Haus auf einer Etage, selbst da kam so etwas kaum vor, sie gingen sich lieber aus dem Weg. Mit Kurt Bartsch war das anders, der war recht gesellig und hat auch, wenn ich anreiste, mal Kunert dazugeladen. Bei einigen waren die Frauen dabei, bei anderen nicht, meistens war man zu zweit oder zu dritt beisammen – für das Gespräch also ziemlich ideal.
Ich kann mich erinnern, dass ich 1967 einen Preis, den ich im Westen bekommen hatte, den Berliner Förderpreis für Literatur, mit meinen Ostberliner Freunden und einigen Flaschen Whisky feierte. Ein Kunstlehrer und drei Schriftsteller, Günter Kunert, Karl Mickel und Friedemann Berger. Das war schon schwierig, die drei zusammen. Einmal der üblichen Autoren-Animositäten wegen – vor allem spürte ich das latente Misstrauen. In der Luft lagen die Fragen nach dem Grad der Anpassung, nach den Nuancen des Muts, nach den Kontakten und Chancen bei West-Verlagen. Die Kulturpolitik der DDR zielte ja auch darauf ab, die Schriftsteller durch ungleiche und oft willkürliche Behandlung immer in einer gewissen Unsicherheit über ihren momentanen Status zu lassen. Das hat natürlich unter den Autoren häufig für Misstrauen oder Verdacht oder Vorsicht, also für Entsolidarisierung, gesorgt. Für mich als West-Schriftsteller war es einfacher, näher an die Leute heranzukommen, denn mich haben die Texte mehr interessiert als die Kulturpolitik.

Das heißt, Sie haben wenig danach geguckt, ob etwa für einen Autor die Veröffentlichung im Westen politisch gerade günstig sein könnte, sondern die literarische Qualität blieb das Hauptkriterium?

Wenn Autoren mit der Zensurpolitik aneinander gerieten, habe ich das natürlich mitbekommen. Spätestens dann, wenn sie mir persönlich erzählt haben – aber „politisch gerade günstig“, das war kein Kriterium. Die Autoren wollten ihre Freiheit und mussten taktieren, das erforderte viel Sensibilität und Diskretion von meiner Seite. Ich habe entweder freundschaftliche Beziehungen oder gute Texte gesucht und gefunden. Ich glaube, dass man anhand literarischer Kriterien erkennen kann, dass Günter Kunert besser schreibt als Heinz Kahlau. Und wenn ich so etwas für mich beurteilt und entschieden habe, dann interessiert mich Kunert und nicht Kahlau, egal, was der sonst politisch macht.
Auch die Tatsche, dass mich Kant nie überzeugen konnte, ist keine politische. Sein Werk hat mich nie beeindruckt, nicht einmal seine „Aula“, die ich für überschätzt halte. Die Prosa von Volker Braun hat mich einfach mehr interessiert, an seinen Sätzen merke ich, dass er ein Könner ist. Deshalb, zum Beispiel, habe ich den persönlichen Kontakt zu Volker Braun gesucht, nie zu Kant. Wenn ich merke, dass jemand literarisch etwas kann, besitzt er oder sie erst mal meinen höchsten Respekt. Wenn ein guter Schriftsteller dann gleichzeitig ein angenehmer, ein mir sympathischer Mensch ist, ist das ein Glücksfall.

Im Schlusswort zum alternative-Heft zur DDR-Literatur heißt es sinngemäß: „In der heutigen Situation greifen auch zweitrangige Talente zur Dichtung, und Dichtung wird Erfahrung“. Diese Position ist also nicht die Ihre?

Nein, das ist sie wirklich nicht. Aber Sie haben mit diesem Zitat ein schwerwiegendes Dilemma in Bezug auf die Rezeption der DDR-Literatur benannt: Es gab mittelmäßig begabte Leute, die eine Sache anpackten, die aus politischen Gründen riskant und wichtig war. Das wurde im Westen genau deshalb veröffentlicht, alles in Ordnung. Aber für mich – und ich würde auch behaupten, für die Verlage, für die ich gearbeitet habe – spielte das keine Rolle. Der Text, die Sprache muss überzeugen, das ist die oberste Regel.

Es war ja sehr leicht, damals zu entscheiden: Dieser Autor ist politisch fragwürdig, den müssen wir im Westen fördern. Aber die Autoren, die Sie veröffentlicht haben, waren damals kaum im Fokus der Öffentlichkeit und haben sich doch auf lange Sicht durchgesetzt; ihre literarische Qualität ist – wie etwas bei Karl Mickel oder Thomas Brasch – heute anerkannt. Woher kam diese Entscheidungsfähigkeit?

Das hab ich mich auch manchmal gefragt. Zum Teil war es einfach jugendlicher Übermut, der aus dem Bauch urteilt und die Sache trifft. Die Leidenschaft für die Literatur hat mich vor dem ideologischen Denken einigermaßen gut geschützt. Aber es kam noch etwas dazu. Ich habe bereits im ersten Semester versucht, Kontakte zu knüpfen, um in den Ferien in irgendwelchen literarischen Einrichtungen zu arbeiten. So bin ich zu Klaus Wagenbach gekommen, der schon Gedichte von mir kannte, und habe dann in seinem Lektorat in Frankfurt im S. Fischer Verlag gesessen. Dort gab es einen großen Raum voll mit Manuskripten, denn Wagenbach hat nie Manuskripte zurückgeschickt, ich sollte das alles durchsehen und ihm das, was ich für gut hielt, auf den Tisch legen, und das Schlechte zurückschicken. Ich habe beim Buchstaben A angefangen, bin in acht Wochen vielleicht bis E oder F gekommen, habe ein wenig aufgeräumt – also keine Angst vor Urteilen.

Mussten Sie damals schon Gutachten schreiben?

Nein, zu viel Aufwand. Die Autoren bekamen kurze, recht schematische Briefe, die Wagenbach unterzeichnete. In diesen Monaten habe ich die Literatur-Begutachtung gelernt – oder vielmehr, ich habe sie geübt. Aber ohne dieses literarische Selbstbewusstsein, diesen Übermut wäre es nicht gegangen. Ich hatte den als Schüler schon. Damals habe ich etwa einen Verriss zu Hermann Hesse geschrieben, weil ich ihn viel zu kitschig fand, was einige Mädchen in meiner Klasse sehr erbost hat.
Als Wagenbach seinen Verlag im Sommer 1964 gründete, die ersten Bücher kamen im Frühjahr 1965 heraus und meins dann im Herbst, hat er mir lange vor meiner Anstellung im Verlag ab und zu mal Manuskripte gegeben und gefragt, was ich dazu sage; darunter waren DDR-Autoren.
Wagenbach ist ja damals auch deshalb nach Berlin gekommen, weil er wichtige DDR-Schriftsteller, die es in der DDR schwer hatten, im Westen vorstellen wollte. Die ersten im Programm waren, wie Sie wissen, Stephan Hermlin und Johannes Bobrowski – Wolf Biermann mit seiner „Drahtharfe“ war unser „junger Autor“, den große Verlage abgelehnt hatten, bei dem wir spürten, in dieser eleganten Frechheit, Lakonie und Deutlichkeit steckt etwas Unverwechselbares, etwas wunderbar Aufmüpfiges und eine schöne Provokation.

Wie haben Sie die Beziehungen zu den Ost-Autoren damals erlebt? Dominierten Gespräche über die Zustände im Kulturbetrieb oder überwog auf beiden Seiten die Neugier, was beim anderen gerade auf dem Schreibtisch lag?

Wir sollten nicht immer von „den Ost-Autoren“ oder „der DDR-Literatur“ sprechen. Ich konnte und kann die Autoren nicht so summieren. Natürlich mischte sich das immer. Die Neugier, was auf dem Schreibtisch lag, hat sich erstaunlicherweise mit dem obervorsichtigen und zurückhaltenden Mickel entfaltet. Niemand hat mich so wie er nach meinen Texten gefragt – ich steckte oft neue Gedichte ein, um sie mit ihm zu diskutieren. Mickel hat gründlich gelesen und daran rumgemäkelt, gesagt, was er gut und schlecht fand. Vor allem hat er mir empfohlen: Sei nicht so leise, mach dich nicht klein, formuliere frecher, kühner, formbewusster, also selbstbewusster! Ich habe als Autor von dieser Art Formstrenge, die es in der DDR gab, profitiert. Wenn ich einfach heiter-flockig drauflos geschrieben hätte, wie es – zugespitzt formuliert – in den sechziger Jahren im Westen Mode war, wäre aus mir vielleicht ein etwas anderer Autor geworden. Mickel hat mir im Gegenzug seine Texte gezeigt oder ganze Prosakapitel vorgelesen, und ich habe ihm gesagt, was unverständlich oder zu bessern sei. Ich habe von ihm gelernt, er brauchte meine Kritik eigentlich nicht. Später, als Lektor, war es Heiner Müller, der mich immer fragte: Dies Gedicht, sollen wir das wirklich in den Band nehmen, passt das, ist das gut genug? Natürlich hab ich fast immer ja gesagt. Er wollte, er brauchte meine Kritik.

Erinnern Sie sich noch an bestimmte Texte, die das betraf, an eigene oder die von Mickel?

Es gibt ein Gedicht von mir, das heißt „An Mickel“, in meinem zweiten Gedichtband von 1969. Dort heißt es: „Lebhaft / Gestaltet sich im Bereich der Ringbahn der / Kulturaustausch“. Diesen privaten Kulturaustausch gab es so speziell nur mit Mickel und mit Friedemann Berger. Daneben die Bücher, alle befreundeten Autoren hungerten nach mitgebrachten Büchern.

Haben Sie unterschiedliche politische Erfahrungen und Haltungen zu Differenzen in Bezug auf die Beurteilung von Texten geführt?

Ja. Mickel zum Beispiel war ein großer Verhüllungskünstler. Er hat seine politischen Anspielungen oft so gut versteckt, dass man sie kaum noch wahrgenommen hat. Mir erschien er in dieser Hinsicht zu vorsichtig. Ende der sechziger Jahre, als ich Lektor geworden war, hat er über mehrere Jahre hinweg aus seinem damals entstehenden wunderbaren Roman „Lachmund“ vorgelesen. Er hielt es für zu gewagt, ihn in der DDR anzubieten. Ich habe immer wieder Überredungsversuche gestartet, zwecklos. In den Siebzigern, als ich durch Rotbuch auch Kontakte zu Lektoren in der DDR hatte, habe ich beim Mitteldeutschen Verlag vorgeschlagen, dass sie „Lachmund“ zuerst veröffentlichen und wir ihn kurz danach im Westen publizieren – aber die haben mich einfach hingehalten. Der Roman ist dann leider erst nach der Wende erschienen, war damit quasi wirkungslos. Und ich glaube, nur Mickel-Experten haben die ganzen Anspielungen verstanden.

Wer außer Mickel war in den sechziger Jahren wichtig für Sie?

Durch die Arbeit bei Wagenbach habe ich Biermann kennen gelernt. Als Wagenbach das Einreiseverbot bekam, haben vor allem seine Frau Katharina und ich, später auch Ingrid Krüger, den intensiven Kontakt zu Biermann aufrechterhalten. Ich bin sehr oft bei ihm gewesen, weil es viel zu organisieren gab und Telefonieren ja nicht ging. Wir haben bei den Besuchen meistens schon das nächste Treffen vereinbart. Ich war zwar mehr oder weniger der Bote für Briefe, einzelne Gedichte, Vereinbarungen, aber nicht für größere Packen Papier. Geschmuggelt habe ich fleißig, aber immer nur wenige Seiten, einiges von Biermann, Gedichte von Kunert, Berger, Mickel, Bartsch bis hin zu ein paar Sachen von Brasch und Heiner Müller, z.B. die „Hamletmaschine“, die ja so dünn ist, dass sie unauffällig unter das Unterhemd passte, im Gürtel eingeklemmt. Wenn man sich gerade hält, ist das kein Problem. Die umfangreicheren Manuskripte wurden von Journalisten und Diplomaten über die Grenze geschmuggelt; ich habe nie gefragt, wer das gemacht hat, denn es hat ja funktioniert.
Zu den Sechzigern: Biermann suchte einen Titel für den zweiten Gedichtband, ich fischte eine Zeile aus seinem Manuskript und schlug „Mit Marx- und Engelszungen“ vor, er stimmte zu, durchaus begeistert – auch das ein Beispiel für Kulturaustausch im Bereich der Ringbahn. Am meisten hat mir in jener Zeit Günter Kunert imponiert, so aufrichtig, so witzig, so illusionslos und heiter wie kein anderer.

Die Beobachter von der Stasi hätten dann eigentlich Verbindungen zwischen Ihren Besuchen bei Mickel, Sarah Kirsch, Kunert oder Biermann und Veröffentlichungen bei Wagenbach oder später Rotbuch ziehen können – und haben das doch auch sicherlich?

Mehr oder weniger, so weit ich das weiß. In meinen Stasi-Akten habe ich sehen können, dass ich anderthalb Jahre beschattet wurde, da folgte mir jemand von der Grenze bis zu den diversen Haustüren und wieder zur Grenze. Der Anlass war: Kunert fuhr in den frühen Siebzigern einen Renault 16 und brauchte neue Reifen. Katharina Wagenbach und ich sind deshalb mit zwei Autos rübergefahren und hatten statt der Ersatzreifen die Reifen für Kunert eingeladen. Zunächst waren wir bei Biermann, haben dort etwas besprochen und danach auf dem Parkplatz an der Friedrichstraße die Reifen in mein Auto geladen, wobei wir beobachtet worden sind. Ich bin mit den Reifen zu Kunert gefahren, der aber nicht da war – und deshalb habe ich die Reifen bei einem seiner Freunde im Haus abgegeben, den ich flüchtig kannte. Daraus hat die Stasi eine Riesengeschichte gemacht; man dachte, irgendwelche geheimen Materialien seien in den Reifen von Biermann zu diesem Mann transportiert worden. Dass die Reifen für Kunert waren, haben die erst gar nicht verstanden. Dadurch bin ich meines Wissens das einzige Mal in Verdacht konspirativer Machenschaften geraten. Die Reifen wurden beschlagnahmt, eingehend untersucht – natürlich wurde nichts gefunden außer Luft. Die Observierer waren so konditioniert, dass sie mich nur als Spion betrachten konnten, nicht als Texte-Schmuggler oder Lektor oder Freund. Und dann führten sie eine Liste, die aussieht wie vom Computer erstellt: zwei eng bedruckte Seiten aller meiner Besuche von 1973 bis 1976, Tag, Stunde und Minute der Ein- und der Ausreise, Autonummer, Passnummer, Übergang.

Haben solche Erfahrungen Ihr Verhältnis zur DDR beeinflusst?

Ja, das hat mir Illusionen erspart. Der Umgang mit Biermann hat mir zum Glück schon früh gezeigt, wie ein Schriftsteller, dem nichts anderes übrig blieb als sein Buch die „Drahtharfe“ im Westen zu veröffentlichen, systematisch fertig gemacht und ausgegrenzt wurde. Ich bin deshalb Herrn Höpcke fast dankbar für seinen gnadenlosen Verriss der „Drahtharfe“, ich habe diesen Ausschnitt des Neuen Deutschland bis heute aufgehoben – das war so niederträchtig, so übel, dass ich fortan wusste, woran ich mit der DDR-Macht war. Seitdem war ich immun gegen irgendwelches Blendwerk der Kulturpolitik der DDR und gegen die Sprüche der DKP usw. Selbst wenn Biermann „zu weit ging“, wie manche sagten, hatten wir Westler, die wir in der beginnenden Studentenbewegung ja auch ständig „zu weit gingen“, seine Freiheit zu verteidigen, „zu weit zu gehen“. Und die Demütigung, bei allen Gesprächen das Radio einzuschalten, damit die Stasi nicht mithören kann, dieser stalinistische Mehltau war nun wirklich keine sozialistische Errungenschaft. Und dann Kunert, seiner Skepsis verdanke ich ebenso viel!

Was Sie bisher erzählt haben, erweckt doch den Eindruck, dass Ihre Beziehungen zu den DDR-Schriftstellern deutlich unterschiedlicher Natur waren – mit Mickel eine freundschaftliche und wechselseitige Arbeitsbeziehung, bei Biermann vielleicht eher die Tätigkeit als Lektor im Auftrag eines Verlages.

Ja, aber auch mit Biermann konnte ich privat diskutieren. Ich habe zum Beispiel 1968 einmal versucht, einen anderen, besseren oder doch modernisierten Text zur „Internationale“ zu machen, den habe ich Biermann mitgebracht. Der fand das recht gut, sagte aber, dass die Betonung beim Auftakt falsch liege. Mir fiel nichts Besseres ein, es war kompliziert, ich habe den Text so gelassen, weggelegt und vergessen – aber das zeigt, dass wir eben auch über solche Dinge haben reden können. Und er hat gesagt, was er in „Kerbholz“ und „Wenn wir, bei Rot“ gut fand oder nicht. Natürlich ist Biermann ein ganz anderer Typ als Mickel; er sah sich schon damals gern im Mittelpunkt, hatte oft mehrere Leute um sich und hat dann für die gesungen. Im Gegensatz zu Mickel war er eine „öffentliche Person“, trotz Veröffentlichungs- und Ausreiseverbot. Seine Wohnung in der Chausseestraße war da eine Welt in einer anderen Welt …

Was hat sich in den siebziger Jahren für Sie verändert?

Im Sommer 1970 wurde ich zunächst Halbtags-Lektor bei Wagenbach. Davon konnte man nicht leben, aber ich wollte ohnehin versuchen, mit dem Schreiben ein bisschen etwas zu verdienen. Im Herbst ’71 ging in nach Rom in die Villa Massimo, mit einem Stipendium, und schrieb da die „Siemens-Welt“. Zu dieser Zeit gab es Schwierigkeiten zwischen Wagenbach und Biermann, und einmal oder zweimal musste ich einfliegen, um zu vermitteln, weil sie drauf und dran waren, sich völlig zu entzweien. Als ich nach Berlin zurückkehrte, gab es schon die große Krise innerhalb des Kollektivs des Verlags und es brach alles auseinander. Damit begann für mich im Sommer 1973 eine neue Phase; ich fing bei Rotbuch an und war von da ab wirklich verantwortlich für ein literarisches Programm. Auch wenn darüber im Lektoratsausschuss im Verlag abgestimmt wurde – die Initiative lag bei mir. Gleich im Herbst ’73 begann die Arbeit mit Heiner Müller. Das habe ich in dem Beitrag für die Akademie-Ausstellung beschrieben. Ansonsten konnte ich natürlich auf die Kontakte, die ich hatte, aufbauen. Mit Karl Mickel machten wir zunächst den Gedichtband, dann „Nausikaa“ und „Einstein“. Es kamen Stefan Schütz, Paul Gratzik, Thomas Brasch, Erich Köhler hinzu. Die anderen waren bei ihren Verlagen gut aufgehoben, Kunert bei Hanser, Volker Braun bei Suhrkamp, und auch Sarah Kirsch wollte leider bei ihrem Verlag bleiben.

Haben Sie versucht, sie abzuwerben?

Ja, natürlich. Wir waren ein guter literarischer Verlag mit viel Presse-Resonanz und konnten relativ hohe Auflagen vorweisen, aber Sarah Kirsch wollte damals bei Langewiesche-Brandt bleiben, die sie entdeckt und gefördert hatten. Auch Kurt Bartsch konnte ich nicht kriegen, obwohl ich mit ihm eng befreundet war. Hinter Richard Leising und seinen Gedichten lief ich acht Jahre her, aber er hatte Angst vor einer Publikation im Westen. Wir hatten ’73 Peter Schneiders „Lenz“ als Bestseller vorzuweisen, auch das Kursbuch stand sozusagen auf unserer Seite, aber es dauerte eben zwei, drei Jahre, bis der Verlag seinen guten Ruf hatte. Auch bei Henschel wollte man zunächst nicht, dass Heiner Müller Rotbuch-Autor wird – das hat er dann ultimativ durchgesetzt.
Bei manchen sind wir zu spät gekommen: Als Plenzdorfs „Werther“ in Sinn und Form erschien – die hatten wir als Verlag abonniert, ebenso NDL -, war ich sofort hellhörig und habe versucht, Kontakt aufzunehmen, hörte dann aber, dass da Suhrkamp schon dran war. Irmtraud Morgners „Trobadora Beatriz“ las ich sofort nach Erscheinen in der Aufbau-Ausgabe. Der Roman hat mich gefesselt, und obwohl unser Verlag so umfangreiche Bücher nicht machte, habe ich sie angeschrieben. Sie hatte damals noch keinen West-Verlag, ist dann aber zu Luchterhand gegangen.
Dafür konnte ich nach Müller Thomas Brasch als Autor für uns gewinnen, die Einzelheiten habe ich ausführlich für Theater der Zeit beschrieben, die einen Sonderband zu ihm erarbeiten.

Brasch ist wieder ein ganz anderer, großer Name neben Mickel, Müller oder Biermann. Haben Sie seine literarische Besonderheit damals schon erkannt, ist sie Ihnen spürbar gewesen?

Ich behaupte: Ja. 1974 oder 1975 habe ich ihn bei Heiner Müller kennen gelernt. Das Einzige, was es damals von ihm gab und was nur mit viel Mühe veröffentlicht werden konnte, war das „Poesiealbum“. Ich hatte Müller immer wieder mal nach guten Leuten gefragt, die er dem Verlag empfehlen könnte, und der hat gesagt: „Guck mal auf den Thomas.“ Thomas wollte mir keine Texte mitgeben, sondern hat mich zunächst zu sich nach Hause eingeladen. Ich habe mich bei ihm hingesetzt, er hat mir seine Manuskripte gezeigt, ich habe gelesen. Normalerweise weigere ich mich, in Gegenwart der Autoren ihre Sachen zu lesen. Hier wusste ich sofort, dass man das auf jeden Fall veröffentlichen muss. Das waren seine Texte „Vor den Vätern sterben die Söhne“, natürlich hoch riskante Sachen. Ich fand es literarisch hinreißend, in jedem Sinn überzeugend. Es folgte dann eine sehr komplizierte Publikationsgeschichte, die mit seiner Ausreise und der Biermann-Ausbürgerung verbunden war.

Es gibt Auffassungen, die unseren bisherigen Recherchen fast entgegenlaufen. Plädiert wird für eine Art Ereignisgeschichte der DDR – 1953, 1956, 1961 … – sie wird durchbuchstabiert und die Literatur mehr oder minder deckungsgleich danebengelegt, um nachzuweisen, dass das Literarische kaum mehr ist als ein Spiegel des politisch-historischen Rasters. Teilen Sie diese Annahme?

Nein, das würde ich nicht sagen. „Vor den Vätern sterben die Söhne“ zum Beispiel ist eindeutig vor der Biermann-Ausbürgerung entstanden, und gerade das war das Ungeheuerliche an diesen Texten; sie sagten damals schon, sinngemäß: Die Jugend in der DDR hat keine Zukunft, weil es zu viele Grenzen gibt, und den Arbeitern geht es schlicht dreckig, an den Sozialismus glauben nur die Funktionäre.
Deshalb konnten die Texte nach den damaligen Kriterien nicht in der DDR erscheinen. Brasch hatte seine Erfahrungen gemacht: der Funktionärsvater, der ihn in die Kadetten-Anstalt steckte, der Rausschmiss aus dem Journalistikstudium wegen Aufmüpfigkeit, 1968 der Protest gegen den Einmarsch in der CSSR, Gefängnis und die so genannte Bewährung in der Fabrik – er kannte die Bedingungen in der Produktion.
Wir haben damals, 1977, auch seine Reportage von einem ungarischen Schriftsteller, Miklos Haraszti, bei Rotbuch veröffentlicht, der genau wie Brasch nach 1968 verurteilt und in die Produktion gesteckt worden war. In „Stücklohn“ hat er akribisch beschrieben, wie es im sozialistischen Betrieb zuging. Wir bekamen Manuskripte über Enzensberger – für Suhrkamp war es zu hart, die hätten sich die ganzen Beziehungen mit dem Osten verbaut. Mir ist wirklich der Atem gestockt, als ich las, wie brutal, leer und kriminell der Sozialismus in der Praxis für den einzelnen Arbeiter tatsächlich aussah. Wir haben lange überlegt, ob und wie wir das präsentieren können, und haben schließlich zur Absicherung für Haraszti Heinrich Böll gebeten, der 1972 den Nobelpreis bekommen hatte, ein Vorwort dafür zu schreiben, um den Autor zu schützen. So ist das dann erschienen.
Thomas Brasch hatte ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Dank Haraszti konnte ich erkennen, dass auch Braschs Schilderung der Arbeitswelt weder exzentrisch noch negativistisch war. Die Tabus und die Tabubrüche hängen also nicht an Jahreszahlen, schon gar nicht in einem Zensurstaat.

Es gibt einige Texte, bei denen die Vorworte offensichtlich nur den Autor absichern sollen. Haben Sie zu solchen Methoden auch bei DDR-Autoren gegriffen?

Nein, bei dem ungarischen Buch war das eine Ausnahme. Ohne Bölls Schutz wäre Haraszti wieder im Gefängnis gelandet. Der Übersetzer wählte ein Pseudonym. Literarische Texte brauchen keine Vorworte, eine Bevormundung.
Es fällt mir übrigens auf, dass wir über zwei DDR-Autoren, die wir bei Rotbuch veröffentlichten, nicht weiter sprechen: Erich Köhler und Paul Gratzik. Auf die war ich durch Empfehlung von Heiner Müller gestoßen, und ich finde ihre Bücher nach wie vor ungewöhnlich schräg und richtig witzig. Inzwischen weiß man, dass sie für die Stasi gearbeitet haben. Erich Köhler ist immer noch im PEN und will nicht freiwillig austreten. Er hat mir kurz nach der Wende einmal einen recht unsäglichen Abrechnungstext geschickt, das platte Klischee, wie der Westen den Osten eingenommen hat. Paul Gratzik ist praktisch verschollen. In meiner Akte hab ich von den beiden nichts gefunden, weder über mich noch über den Verlag, Trotzdem, ein bitterer Nachgeschmack.

Sie wollten ursprünglich nur zwei Jahre als Lektor arbeiten. Es sind dann doch fast fünf geworden. Wie kam es dazu?

Als wir bei Null anfingen, den Verlag zu etablieren, hatte ich mir zwei Jahre Arbeit vorgenommen, aber die richtig. Ich habe nachts Gedichte geschrieben und musste meinen Siemens-Prozess führen und habe 60 Stunden und mehr pro Woche für Rotbuch gearbeitet. 1975 machte mir die Arbeit dann viel Freude, es war viel in Bewegung gekommen, wir hatten guten Rückenwind von der Kritik, viele Erfolge, und deshalb dachte ich erst im vierten Jahr ans Aufhören. Wir haben dann jemanden für das Lektorat gesucht, und dies hat wirklich so lange gedauert, dass noch ein fünftes Jahr verstrich. Den guten Leuten, die die Arbeit interessiert hat, war einfach das Geld zu wenig – wir konnten nur 1000 Mark im Monat als Vollzeitgehalt bieten, bei mindestens 60 Stunden pro Woche. Das war nicht sehr attraktiv.

Hat sich eigentlich die Korrespondenz mit den Autorinnen und Autoren aus jenen Jahren erhalten? Wie lag es überhaupt mit dem schriftlichen Kontakt?

Korrespondenzen gab es so gut wie nicht. So blöd waren wir nicht – alle Verabredungen usw. liefen nur mündlich, meistens nicht einmal am Telefon. Ob sich irgendwo noch Notizen oder korrigierte Texte finden, möglicherweise im Nachlass von Karl Mickel – keine Ahnung. Ich denke, das ist eher unwahrscheinlich.

Haben Sie die Beziehungen zu DDR-Schriftstellern auch nach Ende Ihrer Arbeit als Verleger und Lektor halten können?

Brasch, Kunert, Jentzsch, Schütz, Sarah Kirsch, Kurt Bartsch traf ich ab den frühen achtziger Jahren natürlich im Westen wieder, es kamen Schlesinger, Jürgen Fuchs, Schädlich, Loest und andere dazu. Ich selbst war von Ende 1978 bis Anfang 1984 weg aus Berlin, zunächst in Holland, dann in Bielefeld, habe meine ersten Romane geschrieben und versucht, vom Schreiben zu leben. Dann blieben die fünf Jahre bis ’89, da bin ich nicht mehr so oft in die andere Hälfte der Stadt gefahren. Mickel habe ich nur hin und wieder gesehen, er war immer noch so zögerlich und vorsichtig wie früher, war dazu etwas eigenbrötlerischer geworden, was den Kontakt schwieriger machte. Volker Braun noch seltener. Müller reiste souverän hin und her. Ich habe ihn bei Lesungen oder in Theatern ab und zu getroffen, aber ihn in seiner Neubauwohnung in Berlin-Lichtenberg nie besucht. Sowohl Biermann als auch Müller waren zu Superstars aufgestiegen, umschwärmt, im Rampenlicht und so weiter. Das schuf Distanzen, das war nicht mehr meine Zeit mit ihnen.

Also haben sich doch einige Freundschaften verändert, als die Autoren die DDR verlassen hatten oder zumindest zeitweise verlassen konnten, wie Müller.

Die Freundschaften beruhten auf einer gewissen Parität, auf der gemeinsamen Arbeit. Wer in den Westen kam, wurde meistens gefeiert, wurde zum Feuilleton-Helden. Auch bei Günter Kunert gab es diese Phase, da war ich auch nicht mit allem einverstanden, was er geschrieben hat. Erst in den letzten Jahren haben wir uns wieder richtig angefreundet, sehr schön. Biermann ist weit weg, ich traf ihn einmal nach der Wende in Jüterbog, als er ein Konzert gab, wir begegneten uns vorher schon auf der Straße. Es war sehr herzlich, ehrliche Wiedersehensfreude – aber dabei blieb es dann. Mit Sarah Kirsch ist es ähnlich, wir freuen uns, wenn wir uns irgendwo treffen, es bleibt freundschaftlich und respektvoll distanziert.
Mickel habe ich nach dem Mauerfall einige Male gesehen. Es war plötzlich so herrlich einfach geworden, sich zu treffen, ich erinnere mich an lange Spaziergänge am Müggelsee, an intensivere, offenere Gespräche. Mit Volker Braun habe ich mich erst vor kurzem richtig angefreundet – der war zu DDR-Zeiten immer sehr vorsichtig, was ja verständlich ist. Vor anderthalb Jahren etwa haben wir uns in Rom getroffen. Er war unglaublich heiter und aufgedreht, und die Nähe, die sich da entwickelt hat, die hatte es vorher nie gegeben. Und ebenfalls erst nach 1989 habe ich mich mit Peter Brasch, dem Bruder von Thomas, angefreundet. Ihm war ich vorher nur einmal in den siebziger Jahren auf der Leipziger Buchmesse begegnet, ein Kalauer-König mit dem Blick für die kleinen und armen Leute, der aus der Literatur fast verschwunden ist. Er ist 2002 gestorben, wenige Monate vor Thomas.

Spielte bei den späteren Begegnungen mit Volker Braun Ihre Bekanntschaft aus den sechziger Jahren noch eine Rolle?

Ja, sicher. Ich würde behaupten, aus der Perspektive von Volker Braun war interessant, dass sich ein West-Autor schon so lange für ihn interessierte, man sich über die Jahre immer mal gesehen hat und respektierte. Ich wundere mich heute manchmal, dass ich vor 35 Jahren doch meistens den richtigen Riecher für die guten Leute hatte, und umgekehrt wissen die das ja auch zu schätzen. Bei Thomas Brasch gab es das zum Schluss wieder – nach seinem von mir als Verrat empfundenen Wechsel zu Suhrkamp, nachdem er dank unserer Hilfe ein paar Tage im Westen war. Er hat mir in späteren Jahren seine Bücher signiert mit den Worten „Für meinen ersten Verleger“, weil er nicht vergessen hatte, dass ich so früh auf ihn gesetzt und ihm zum einzigen großen Bucherfolg verholfen hatte.

Wurde Ihr Werdegang als Schriftsteller in der Bundesrepublik von den Ost-Autoren verfolgt?

Gewiss. Ich habe hin und wieder meine eigenen Bücher mitgebracht, wenn ich sie zu verstecken wusste. Da bestand immer Interesse. Es gab eine Art Austausch darüber. Wie weit das reichte, müssten Sie die einzelnen Autoren fragen.

Inwiefern haben die Kontakte in die DDR Ihr Schreiben beeinflusst?

Abgesehen von den paar Gedichten, wie das an Mickel etwa, hat mir meine relativ gute Kenntnis der DDR natürlich geholfen, den „Spaziergang“ oder mein „Ribbeck“-Buch zu schreiben. Viele Leute haben die DDR – literarisch und in anderer Hinsicht – erst in dem Moment entdeckt, als sie zusammengebrochen ist. Ich wusste im Gegensatz zu ihnen, auch wenn ich im Großen und Ganzen nur das „intellektuelle“ Milieu genauer kannte, welche Konflikte es dort gegeben hatte. Ohne die Kenntnis der Nöte, der Phrasen, des Alltags, der Literatur der DDR hätte ich die beiden Bücher nicht schreiben können. Insofern gab es einen gewissen Einfluss, aber nicht im ästhetischen Sinne. Ich habe mein Schreiben nicht in Richtung von Heiner Müller, Thomas Brasch oder Kurt Bartsch ausgerichtet. Wie hätte das gehen sollen? Jeder hat seinen Stil, seine Sprachwelten, seine Stoffe – und die Unterschiede, die Verschiedenheiten sind es, die den Reiz der Literatur ausmachen.

Die Fragen stellten Roland Berbig und Geesa Tuch.

(In: Stille Post. Inoffizielle Schriftstellerkontakte zwischen West und Ost. Hg. von Roland Berbig. Ch. Links Verlag, Berlin 2005)

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